2020 hat angerufen…

Vor einem Jahr kam durch eine NDR-Reportage heraus, dass Henning F., pseudolinkes Arschloch aus Leipzig, auf dem Monis Rache Festival Kameras in den Dixi-Toiletten installiert und seine Aufnahmen von Frauen auf Pornoseiten verkauft hatte. Es kam auch heraus, dass die Reaktionen seines Umfeldes und von eingeweihten Organisator*innen des Festivals, wie so oft in „feministischen“ Gruppen, für den Mülleimer waren. Trotz jahrzehntelanger Beschäftigung mit sexueller Gewalt in politischen Strukturen und der Gesellschaft allgemein durften wir wieder der altbekannten Shitshow mit dem Titel „es ist aber auch alles so schwierig“ beiwohnen.

Es kostet mich schon etwas Kraft nicht komplett zu verbittern nach diesem Jahr. Ich bin eine sogenannte Betroffene im Fall der Monis Rache Aufnahmen. Im Sommer 2020 erfuhr ich außerdem, dass ein Bekannter von mir, damals Kollektivmitglied in der linken Berliner Kneipe tristeza, in mehreren Fällen übergriffig geworden war unter Ausnutzung seiner Position als „cooler linker Barkeeper“. Er hatte sich auch mir als „der gute Feminist“ verkauft, der voll auf Konsens aus ist. Im k-fetisch, einem anderen linken Café-Kollektiv, in das ich gerne mal ging, gab es 2020 auch Tätervorwürfe.

Mir kommt der englische Ausspruch „too close to home“ in den Sinn. Im letzten Jahr hagelte es Vorwürfe um mich herum – die Einschläge sind zu nah an meinem Zuhause. 2020 hat angerufen und möchte dir noch mehr unter die Nase reiben, dass feministischer Aktivismus im Bereich sexuelle Gewalt rein gar nichts erreicht hat. Ich spüre den Impuls, den Rückzug anzutreten, nichts mehr zu machen. Kein Artikel, kein Vortrag, keine Therapie, keine Aufarbeitung, einfach gar nichts mehr.

Dabei ist es genau das, was ich selbst in meinen Vorträgen und Artikeln immer wieder predige: Wir alle kennen Täter, wir alle hängen mit ihnen rum. 2020 war aus dieser Perspektive vielleicht nur ein wenig ehrlicher als die anderen Jahre. Und dass es nun, da wieder ein Fall prominent diskutiert wurde, dazu kommt, dass sich andere Betroffene ebenfalls melden, ist nicht verwunderlich. Ich bin selbst Opfer von sexueller Gewalt durch ein anderes Szene-Arschloch und ich spüre, wie sich das Klima ändert. Wie es in greifbarere Nähe rückt, öffentlich frei über die Scheiße zu sprechen, die mir passiert ist.

2020 war ein hartes Jahr für mich. Mich hat jede neue Nachricht über neue Fälle aus dem Sattel geworfen. Zumindest ein oder zwei Tage hing ich eher so mit einem Fuß im Steigbügel und mit meiner Nase im Dreck. 2020 war aber auch notwendig und ich bewundere alle Menschen, denen Gewalt widerfahren ist, die es schaffen sich damit in die Öffentlichkeit zu stellen. Viel Liebe an euch!

Sie haben mir was mitgebracht…

In der letzten Woche habe ich zwei Vorträge gehalten: Einen in Cottbus und einen in Stendal. Beide Male ging es um den Zusammenhang von sexualisierter Gewalt und Männlichkeit.

Ich bin es gewohnt, dass mein Vortrag hitzige Diskussionen im Publikum auslöst und dass sich insbesondere Männer auf den Schlips getreten fühlen. Normalerweise äußert sich das in Kommentaren darüber, dass Weiblichkeit aber auch problematisch sei, dass Frauen auch Täterinnen von sexualisierter Gewalt sein können und dass Männer auch Probleme hätten. Auf alle diese Einwände habe ich gute Antworten, worauf ich keine guten Antworten habe, ist die Wut, mit der diese Wortmeldungen des Öfteren vorgetragen werden.

In Cottbus schleuderte mir ein Zuhörer entgegen, dass mein Vortrag Ausdruck totalitären Denkens sei und ich mich nicht wundern müsse, wenn dann Hass auf der Gegenseite entstehen würde. Sein Hass war deutlich spürbar und ich vermied es nach der Veranstaltung in seiner Nähe zu stehen. Ein anderes Mal ließ mich ein aufgewühlter Zuhörer wissen, dass ich männerfeindlich sei. Kommentare unter meinen Vortragsankündigungen und einem Mitschnitt meines Vortrags drehen sich regelmäßig um die Frage, ob ich überhaupt kompetent sei und wieso ich wohl auf die Idee käme überhaupt so einen Vortrag zu halten.

Im Prinzip geht es bei diesen gekränkten Reaktionen immer um dieselbe Sache: Den Inhalt meines Vortrags nicht wahrhaben zu wollen. Und das kann ich gut nachvollziehen, denn meine Punchlines sind gruselig: 1. Gut jede zehnte in Deutschland lebende Frau hat sexualisierte Gewalt erfahren und wenn es um Gewalt gegen Frauen im Erwachsenenalter geht, sind die Täter zu guten 99% Männer. 2. Vorstellungen darüber wie Männer zu sein haben, sind eine wesentliche Ursache für diese statistische Lage. 3. Männlichkeit ist nicht erst ein Problem, wenn Männer gewalttätig werden, sondern alle Männer und insbesondere linke, sich mit feministischen Zielen solidarisierende Männer, müssen sich mit diesem Thema persönlich auseinandersetzen.

Ich belege alle diese Dinge anhand wissenschaftlicher Studien, ich habe viel Zeit und Grips investiert einen Vortrag zu konzipieren, der nicht abgehoben wissenschaftlich ist und der viel Raum für Nachfragen lässt. Ich wähle meine Worte mit Bedacht und betone mehrmals, dass „natürlich nicht alle Männer so sind“ oder „dass ich nichts gegen Männer habe“, auch wenn ich mir wünschen würde, dass ich das nicht müsste. Ich erkläre, wie sozialpsychologische Forschung funktioniert und ich weise darauf hin, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich Leute durch meinen Vortrag angegriffen fühlen und dass es zwar nicht mein Ansinnen ist Männer zu ärgern, aber dass ich die Sachlage trotzdem nicht beschönigen werde. Kurz, ich gebe alles, um meine Inhalte wenig kränkend und gleichzeitig so radikal wie möglich zu vermitteln.

Aber es nützt alles nichts, immer wieder werden meine Motive hinterfragt. Es wird kritisiert, dass mein Vortrag politisch kontraproduktiv sei. Es wird mir Bösartigkeit und ideologische Verblendung (aka Feminazismus) diagnostiziert. Mein persönliches Highlight war, als mir einmal vorgeworfen wurde, ich hätte ja gar keinen Doktortitel, wie ich denn auf die Idee käme überhaupt etwas zu dem Thema zu sagen. Mir begegnen teilweise absurde Argumente, warum mein Vortrag falsch, übertrieben, irrelevant, zu radikal, boshaft etc. sei. Menschen, insbesondere Männer in meinem Publikum, machen gedanklich lieber drei Purzelbäume, als sich mit dem schmerzhaften Gefühl auseinanderzusetzen, dass auch sie Teil eines unterdrückerischen Systems sind und dass auch ihre Identität, Persönlichkeit, Werte, Ziele, Wünsche und Verhalten durchzogen sind von Dingen, die dieses System aufrechterhalten.

Ich habe bemerkt, dass sich die Stimmung im Publikum verbessert, wenn ich davon berichte, dass auch ich Verhaltensweisen ansozialisiert bekommen habe, die ich problematisch finde. Ich erzähle öfter, dass ich weiblich sozialisiert bin und dass es mich gruselt und unendlich traurig macht, zu beobachten, wie das zu meiner eigenen Unterdrückung und Gewalterfahrung beiträgt. Es fühlt sich nach Sell-out an, diesen Mechanismus zu nutzen, um das Publikum zu mehr Offenheit zu bewegen. Ich räume vorgeblich ein wenig Schuld ein, ich räume ein, ein Teil der Dynamik zu sein und schon können sich die Leute besser einlassen. Als würde das etwas daran ändern, dass Taten weiter passieren, wenn Täter sie begehen. Ganz egal, wie sehr ich mich reflektiere.

Unsichere Männer und schlechte Witze

Es gibt eine Erzählung über mich, die geht ungefähr so: „Du bist anders geworden, weil du ‚elaboriert‘ gesagt hast“. Es ist die neue Sprache, die ich gelernt habe, damit ich nicht auffalle, damit ich vorankomme, damit ich halbwegs ernst genommen werde. Es ist diese Erzählung, warum manche Menschen in meinem Leben sich nicht nachzufragen trauen, wenn ich meine neuen Worte benutze, weil sie Angst haben, dass ich sie für verblödet halte. Es ist der Grund, warum manche Menschen über mich sagen, ich sei abgehoben und warum ich manchmal „wegen dem“ statt „deswegen“ sage, obwohl ich es besser weiß. Es sind die Worte, die ich nicht zuhause gelernt habe, derentwegen ich mich manchmal schäme.

Es gibt diesen verkniffenen Witz über mich, der geht ungefähr so: „Du bist intellektuell, weil du ‚elaboriert‘ gesagt hast“. Ich verstehe den Witz nicht. Ich glaube, das heißt auch, dass ich abgehoben bin. Nur anders. Es ist das Unbehagen, dass es meinen Master M.Sc. und mein Fremdwörterwissen nicht gratis auf dem Akademikerkinder-Grabbeltisch des bürgerlichen Lebens gab. Es ist diese eine Erzählung, dass keine existieren darf, die nicht genauso ist wie alle anderen, keine Proletenfrau, die mehr Wörter kann als ein Akademikersohn. Es ist ein Coming of Age-Männer-Roman über Unsicherheiten, Schmerzen und Ansprüche, die eigentlich nicht unsere sind, die zu unseren gemacht werden.

Verängstigte, manchmal fiese, unglückliche Menschen

Mit 19 Jahren war ich verliebt in meine_n Mitbewohner_in Elli. Wir waren unglückliche Teenager in Bremerhaven, gefangen zwischen am Deich meiern, the Cure hören und unserer Überforderung ein Leben fernab von unseren Elternhäusern gebacken zu kriegen. Wir liebten uns und alle wussten es. Elli, meine Freundinnen, der besoffene Arsch, der uns „ficki ficki lesbi lesbi“ auf der Straße hinterherrief. Nur ich wusste es nicht. Ich wollte all meine Zeit mit diesem Menschen verbringen. Ich wollte diesen Menschen beeindrucken, von ihm verstanden und geliebt werden. Und trotzdem brach ich Elli immer wieder das Herz.

Manchmal hatte ich einen lichten Moment und mir dämmerte, dass meine sogenannte beste Freund_in und ich alle Kriterien einer romantischen Beziehung erfüllten. All inclusive. Ich hatte panische Angst lesbisch zu sein, ich sag es euch, und deshalb fuhr ich immer wieder mit einem Bulldozer über Ellis Gefühle.

Elli schrieb mir noch jahrelang Postkarten, weil Elli wusste, wie sehr ich es liebe Post zu bekommen. Elli schrieb mir Liebesbriefe, die ich nicht verstand. Erst 7 Jahre später, 7 fucking Jahre später, als ich den Karton mit den Briefen wieder rausholte, verstand ich Ellis Worte und verstand, was für ein mieses Arschloch ich gewesen war. Ich verstand, wie meine erste große Liebe an mir vorbeigezogen war, ohne dass ich es mitbekommen hatte. Und alles, weil ich mir nicht eingestehen konnte ein kleiner Homo zu sein. Oder queer. Oder was auch immer das ist, was ich bin.

Es hat etwas gedauert, aber ich habe es mir verziehen. Denn das ist, was internalisierte Homofeindlichkeit aus Menschen macht: Verängstigte, manchmal fiese, unglückliche Lappen.

 

Alles neu.

Ich habe diesen Blog mal angefangen, weil ich ziemlich sauer über alles war. Daher hieß er bis vor Kurzem auch „Angermanagement Pt.1 – Über das Leben einer Dorfproletin in der Stadt“. Versteht mich nicht falsch, ich bin immernoch ziemlich sauer und bleibe eine Freundin der gepflegten, gelegentlichen Pöbelei. Ich will mich aber auch über andere Themen schreiben, die mich in den letzten Jahren, Monaten, Wochen, beschäftigt haben.

Ich habe zum Beispiel viel über Sexualität, Freund_innenschaft und Gefühle nachgedacht, nicht zuletzt, weil ich nicht so wirklich eine andere Wahl hatte im letzten Jahr. Kernerkenntnis: Danger Dan hat Recht, Gefühle sind wirklich ein Inkassoverfahren. Ich habe mich viel mit dem Thema Psychotherapie beschäftigt, nicht nur, aber auch weil ich in diesem Bereich seit ein paar Jahren nun schon arbeite. Wie kann das eigentlich zusammen mit einer machtkritischen Perspektive auf hier Dings gehen? Außerdem habe begonnen zu dem Zusammenhang von Männlichkeit und sexualisierter Gewalt zu arbeiten. Dazu halte ich zum Beispiel seit neustem Vorträge, was mir eine große Freude ist.

Mit dem Thema Klassismus habe ich mich in letzter Zeit weniger auseinandergesetzt, als es zu Anfangszeiten dieses Blogs der Fall war. Das Thema immer wieder über meinen Ärger und meine Enttäuschung anzugehen, hat mich mürbe gemacht mit der Zeit. Ich habe es deshalb erstmal sein lassen darüber zu schreiben (und lieber Fertignudeln mit meinen Homegirls gegessen – Shoutout an Lena²).

In meinem letzten Text habe ich geschrieben, dass hinter der Wut gar nichts liegt. Ich glaube heute würde ich sagen, hinter der Wut liegt einiges. Deshalb möchte ich nun mehr zu den Themen schreiben, die ich eben aufgezählt habe. Bestimmt, hoffentlich, wahrscheinlich springt dabei dann und wann ein mieser Rant heraus, aber nicht mehr nur.

Hinter der Wut liegt gar nichts.

Ich bekomme öfter ein Kompliment, auf das sich ein beachtlicher Teil meines Selbstwertes gründet: Ich sei ehrlich und direkt. Ich bullshitte selten, wenn mich etwas nervt, dann werden die Leute das zeitnah und wohlformuliert erfahren. Meistens jedenfalls. Ich finde das eine gute Eigenschaft.

In letzter Zeit merke ich jedoch, dass es immer schwieriger wird, dieser Mensch zu sein. Ich bin sauer, stinksauer. Irgendwann habe ich angefangen diesen Blog zu schreiben, um den Zorn wie eine dunkle Welle mit schäumender Gischt aus mir herausschlagen zu lassen. Weg von mir selbst, in den luftleeren Raum eines Blogs, den sowieso nur 5 Leute lesen würden, die mich kennen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich mehr kaum getraut. Ich dachte, Wut und Hass stehen mir nicht zu. Einmal, vor etwas mehr als einem Jahr, teilte ein Bekannter mit mehr Social Media Fame diesen Blog auf seiner Seite und dann diskutierten plötzlich zwanzig Fremde unter dem Post über meine Texte. I nearly crapped my pants. Das ist jetzt glücklicherweise anders. Wenn Menschen etwas von mir lesen und kommentieren, bekomme ich meistens keine Schweißausbrüche mehr. Aber viel einfacher hat das die Sache mit dem Ausrasten nicht gemacht. Mir ist eigentlich nur deutlicher geworden, dass die eigentliche Frage hinter diesem Blog ist, wie viel Wut zu viel Wut ist.

Versteht mich nicht falsch. Ich denke es gibt gute Gründe alles kurz und klein schlagen zu wollen. Wenn ich in mich hineinhorche, fallen mir von 1988 bis 2018 circa 786 Gründe ein mit einem Bulldozer die ganze Welt auf Streichholzschachtelformat zusammenzuschieben. Ich bin froh, dass ich das mittlerweile wenigstens merke. In meiner Jugend, als sich die Bilanz zwar auf weniger, aber dennoch genug gravierende Gründe belief, wurde ich depressiv. Eine Gefühlslage, die mich mehr oder weniger mein ganzes Leben lang begleitete. Erst, als es mir mit Ende 20 gelang, diese Scheiße dahin zu wenden, wo sie hingehört, nach außen, konnte ich die lähmende Trägheit, den Stupor, von meinen Schultern nehmen.

Und jetzt sitze ich da, mit Gefühlen, die ich immerhin verstehen kann, aber die dennoch vehement nach Umgang fordern. Ich bin sauer, dass mir diese Woche zwei Männer auf die Titten geglotzt und dabei „hey hey“ und „oha“ gerufen haben. Ich bin sauer, dass ein monatelanger Gast meiner Mitbewohnerin mich eine „deutsche Nutte“ nannte, als sie vor kurzem auszog. Die Begründung: Ich hätte „jeden Abend einen anderen Mann in meinem Bordell-WG-Zimmer“. Schön wärs. Ich bin sauer, weil ich dazu erzogen wurde eine Ehefrau auf dem Kaff zu werden, was ich nicht tue und nun ständig neckisch gefragt werde, ob ich schon verlobt sei. Gepaart mit mehr oder weniger subtilen Fragen nach meiner sexuellen Orientierung und Kommentaren, dass alle meinen Ex-Freund aber sehr gerne gemocht hätten. Wie hat sie den nu wieder vertrieben? Ich bin sauer, weil ich gar nicht hinterherkomme mich zu entscheiden, wann, wo, wie und in welchem Ausmaß ich in den Kampf reiten soll. Lanze raus und meine Frau stehen. Ich bin sauer, wenn ich meinen Körper anschaue und an ihm die Spuren begutachte, die jahrelanges Kommentieren meines Gewichts, meines Doppelkinns, das fettheitsprüfende Zwicken in meine „Teddyohren“ an ihm hinterlassen haben. Ich bin sauer auf jeden einzelnen von diesen Arschgesichtern, die im wörtlichen Sinn einen Fick gegeben haben, wo meine Grenzen lagen. Ich könnte ewig weitermachen.

Und dann stehe ich da und frage mich, ob ich überreagiere, wenn ich einen Mann, der mir erzählt, Frauen würden sich nur für Arschlöcher interessieren mit einem wütenden Monolog zum Weinen bringe. Oder wenn ich rumpöbele, weil mich drei Freunde separat voneinander darauf hinweisen, dass ein Freund von ihnen, den ich zuvor für eine dreiste Email an mich kritisiert hatte, psychische Probleme habe und eigentlich ganz „nett“ und „reflektiert“ sei. Oder ob es zuviel des Guten ist, dass ich den Freund einer guten Freundin von mir zusammenschreie, weil er mir an den Arsch gefasst hat, während mehrere Bekannte betreten daneben stehen. Diese Beispiele rechtfertigen sicher eine direkte wütende Reaktion, ich merke aber, dass sie sich in meinen Alltag, in meine Sicht auf die Welt fressen. Wenn mich einer fragt, was mit diesem Typen mit der Email ging, rante ich für 3 Minuten erbost los und entschuldige mich dann kleinlaut. Und werde dann gleich wieder sauer, weil ich merke, dass ich trotz allem berechtigten Zorn so nicht weitermachen kann. Es ist ein Arschloch von einer Zwickmühle, an dem ich irgendwann eingehe, wenn das so weitergeht. Hinter der Wut kommt noch mehr Wut.

Jetzt sollte wohl ein karthatischer Abschluss folgen. Einer, der die Wogen glättet, der die Widersprüchlichkeit des Textes in einem Lifehack aufgehen lässt.

Jan und Paul.

Neulich lernte ich einen jungen Mann namens Jan kennen, der mir erklärte, dass Frauen einen Uterus haben und deshalb eine zuvorkommende Behandlung in der Gesellschaft bräuchten. Das Potential ein Balg aus sich zu quetschen sei objektiv, wissenschaftlich bewiesen, unanfechtbar der Grund, warum Frauen am Frauenkampftag nicht kämpfen, sondern früher von der Arbeit nach Hause gehen sollen dürften. Und Blumen kriegen. Und im Bus einen Sitzplatz angeboten bekommen. Weniger Muskelmasse und ein Uterus.

Wir saßen in einer Küche in der Nähe des Barrio Chino in Havanna, Kuba, und tranken ein Bier zum Mittagsessen. Er war ein Deutscher, den Lena, die ich besuchte, kennengelernt hatte. Wir aßen Reis und Gemüse. Lenas Mitbewohner Paul hatte den deutschen Altsozialisten im Körper eines 27-jährigen Jünglings eingeladen. Er sagte, ich würde ihn falsch verstehen, weil das, was er sagte sehr kompliziert sei. Er sagte, er verstehe nicht, dass sich deutsche Frauen über sexistische Anmachen auf Havannas Straßen beschweren, aber dann von diesem Verhalten der kubanischen Männer profitieren würden. Die ficken die einfach, die Kubaner. Er sagte, er würde anders denken als die Deutschen, er sei kubanisiert in der Hinsicht. Er sagte, Frauen nähmen 2-3 Kilo in der Schwangerschaft zu, deshalb wäre es natürlich sie zu schonen. In Deutschlands Linke sei das mit dem Antisexismus ein bisschen viel manchmal. Einmal habe ihn eine kritisiert, dass er so männlich rumstünde. Und auf Kuba ficken die doitschen Frauen kubanische Männer und beschweren sich vorher und nachher und immerzu über sexistische Anmachen.

Paul hatte mir einige Tage vorher erklärt, dass ich meine Geldscheine nicht so herumwedeln solle, da die Bevölkerung Kubas sehr arm und das dementsprechend unangebracht sei. Paul sagte, das Problem sei, dass Frauen sich immer Männer aussuchen, die sie sexistisch behandeln. Ich sagte, er sei ein schlimmeres Arschloch als die Männer, die wenigstens sagen, dass Frauen für sie nur zum Ficken gut seien. Er fing zu weinen an und ich sagte, dass seine pseudofeministische Grüne Jugend Niedersachsen-Sozialisation mir am Arsch vorbeigehe. Lena sagte, ich habe recht, aber der hätte genug. Eigentlich können die nie genug haben.

Ich bin gefangen in einem Körper aus Fleisch und Blut und einem Uterus und wissenschaftlich bewiesener Wertlosigkeit. Dieser Körper wird heute dem Boden entgegen gezogen, er legt sich nieder und starrt aus weit aufgerissenen Augen in den Himmel, wartet bis der Stupor sich auflöst und vielleicht eine Träne über seine Wange rinnt, auf dem Boden aufschlägt und die Erschütterung mich aufweckt. Mein Uterus und ich. Mein Uterus und Paul und Jan. Mein Uterus und der Frauenkampftag. Mein Uterus und die Fickbarkeit. Mein Uterus und nette, linke Männer.

Benehmen: The art of articulation.

Gewaltfreie Kommunikation, was für eine Scheiße. Du willst deine Mutter mit einem Stuhl erschlagen? Kein Problem! Hauptsache du beginnst den Satz mit „Ich“. Kommunikative Leistung 1+! Chef_in ist, wer am meisten reflektiert oder die kompliziertesten Schachtelsätze über die eigene Gefühlslandschaft bauen kann. Optimiere dich selbst. Irgendwann zwischen 2008 und 2016 haben sich alle geeinigt: Gewaltfreie Kommunikation ist was Feines. Der heilige Gral eines jeden WG-Plenums. Hauptsache alle sind wertschätzend und empathisch miteinander. Man darf sich sogar blöd finden und es sich sagen, nur halt nicht so fies, wie die Assis auf RTL2. Das ist nämlich ganz falsch. Klopft euch ruhig auf die Schulter, ich falle nicht auf euch rein. Wenn ich mich beefe, will ich mit einem Baseballschläger die ganze Stadt zertrümmern. Lass die Affen aus dem Zoo! Empathie am Arsch. Ich habe nicht ein Problem mit Aggressionen, ich habe zwei Probleme mit Aggressionen. So eine Scheiße.

Blog 5GfK ist das, was Leute gut finden, die nichts mit Leuten zu tun haben, die wirklich Scheiße sind. Ich kenne mindestens 5 Leute, denen ich mit sowas gar nicht kommen brauche, weil es ein Witz wäre. Wenn ich mir vorstelle denen zu sagen, sie sollen bitte nicht so verletzend kommunizieren, dann lache ich. Und wenn du mir sagst, dass GfK das einzig Wahre ist, dann lebst du in einer Blase und hast nur mit einem winzig kleinen Segment an Menschen zu tun, das du leider für repräsentativ hälst. GfK ist die Sprache der Menschen, die sich bei Elite-Partner anmelden dürfen. Immer schön bei dir selbst anfangen, Schwesti. Das ist die Sprache der Wohlartikulierten, Gutsituierten.

GfK ist nur der nächste Weg die Spreu vom Weizen zu trennen. So erkennst du die, die sich daneben benehmen und nicht verstanden haben, wie man so tut, als wäre man ein besserer Mensch. Und so tarnst du dich. Ach wie toll du dich im Griff hast, sachlich und verletzlich zur gleichen Zeit. Außen weich und innen ein harter Kern, der durch keine Kritik zu erschüttern ist. Ich fühle, die meisten Leute, die gewaltfrei kommunizieren sind in ihren Herzen Arschlöcher, die sich freuen, dass sie einen nicht ganz so offensichtlichen Weg gefunden haben nach unten zu treten.

When the truth is found to be lies.

Als ich angefangen habe, Sozialwissenschaften zu studieren, war das erste Ziel der Lehre uns einzuhämmern, dass alles konstruiert ist. Materialisierte Wahrheit gibt es gar nicht. Achso.

Ich hab das eigentlich eher gar nicht gecheckt, aber ich ließ mir nichts anmerken. Möglichst den Kopf einziehen und hoffen dass niemand merkt, dass ich eigentlich gar kein Plan hab, was ein Seminar ist. Ich mein, ich wusste ja schon nicht, was Topinambur ist, da konnte ich nicht auch noch den Konstruktivismus verkacken. Also, jaja genau, es gibt mehr als zwei Geschlechter, das ist ein Kontinuum oder so. Genau. Und Nationen sind imagined communities. Ja. Sind wir eigentlich deswegen dagegen oder weil wegen den Nazis? Was heißt antideutsch und antiimp und was davon ist die richtige Meinung? Warum haben eigentlich alle schon Marx gelesen und ich weiß nicht mal genau, wer das ist?

Ich war unselbstbewusst, obwohl ich eigentlich ein pfiffiges Kerlchen bin. Ich hatte Angst dass ich eigentlich konservativ bin, weil ich die eine Hälfte der Sachen, die die Linksradikalen da redeten nicht verstand und über die andere Hälfte noch nie nachgedacht hatte. Manchmal dachte ich, ich bin vielleicht im Herzen eine CDU-Wählerin. Oder irgendwer, die für eine Koalition von CDU und Grünen auf der Bundesebene ist. Ich hatte Angst, dass die mich enttarnen. Aber eigentlich konnte ich die meisten Linksradikalen auch gar nicht leiden. Wenn Anfang Zwanzigjährige um linksradikalen Fame streiten, dann bleibt nichts übrig für die Dorftrottel und Bauerntölpel. Ob es nun um Fubu-Hosen oder um Gramscis Gefängnishefte ging, ich war immer raus aus dem Game. Kein Fame für Billi. Ich bin die, die als letztes noch in Unterhose in der Umkleide steht, während alle anderen draußen schon auf Mami warten. Teilnehmerurkundenpersönlichkeit. Und ich bin die, die nicht weiß wovon diese Linken ständig reden. Sind es nun queere Gruppen oder Antifamacker, tierrechtsaktivistische Ökos oder kommunistische Gewerkschafterinnen, sexpositiver Feminismus oder irgendwas mit Rojava. Ich fühle mich entfremdet und je mehr die Jahre verstreichen, desto mehr verliere ich den Anschluss, denn mit Ende 20 gibt es wirklich keine Ausrede Marx IMMERNOCHNICHT gelesen zu haben. Oder Sartre. Ich nehme den Fuß aus der Tür und das Bein vom Deck, breite die Arme aus und schwebe dem Himmel entgegen.

Ich werde Marx nicht lesen oder wenn, dann nur heimlich. Es ist ein Kampf. Ich führe Krieg gegen mich selbst. Marx-Lesen ist wie einknicken, ich will das nicht gelesen haben müssen, um dazuzugehören, aber ich will es lesen, weil irgendwie war es dann doch hilfreich zu verstehen, dass zwar alles konstruiert aber doch wirkmächtig und bedeutsam ist. Es ist schmerzhaft linksradikal zu sein, wenn man eigentlich ein antiintellektueller Assi ist, der nicht genau weiß, wo er wachsen und wo er wurzeln soll.

Sing me to sleep.

Neulich hatte ich ein tiefschürfendes gespräch mit einem freund. Quintessenz: wir sind alle wie karl von herr lehmann. So dieses gespräch im Urbankrankenhaus. Meine fresse, das buch spielt in den achtzigern.

Die leute aus meiner gang, die keine therapie machen, kann ich an null fingern abzählen. Alle leiden an irgendwas, mich macht das traurig. So schlagen wir uns die tage um die ohren: einsame girls und boys auf der suche nach irgendwas. Alle das auge auf den goldtopf am ende der straße aus scheiße gerichtet. Ich will mich auskippen und alles mit der schwarzen masse bedecken. Pfannkuchenteig.

Auf der suche nach gründen finde ich: Berlin, die kindheit, individualisierung, der kapitalismus, ein drogenproblem, life is pain. Aber, das wichtigste ist, wir haben es verstanden, deswegen bitte keine verhaltenstherapie. Man müsste sport machen, macht man aber nicht, aber man weiß man müsste. Manchmal machen wir einen witz, manchmal ist es bierernst. Der Morast reicht bis zur Mitte des Oberschenkels, da sind sich alle einig. Immerhin.

Die, die abkacken, wo ich herkomme, kann ich an 2 fingern abzählen. Die existentielle frage (was soll die ganze scheiße eigentlich?) ist nicht der Anfang, sondern das Ende des Problems, wenn überhaupt. Psychischer abfuck unprätentiös. Da ist Depression noch einfach eine Krankheit und für die gibs Tabletten oder ein Krankenhaus oder eine Psychologin. Punkt. Das hat nichts damit zu tun, dass das niemand besser verstanden hat, als man selbst. Es geht um Stigmatisierung. Oder ob der Aufwand man wirklich Not tut. Und wenn es heißt, mach Scheiß Sport, dann machen die Leute das. Dorftrottel. Hauptsache  wieder arbeiten können. Dann doch lieber dem Kapitalismus ein Schnibbchen schlagen und depressiv 18 Semester studieren. Nimm das, Schweinesystem!