Von fehlender Solidarität und falschen Zuschreibungen – wie wir mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt (nicht) umgehen sollten

Ich stehe auf meinem Fensterbrett, singe johlend den aus meinen Boxen schallenden PUR Hitmix mit und putze meine Fenster. Das mache ich oft, wenn es mir nicht gut geht. „Lena, du hast es oft nicht leicht“, singen Hartmut Engler und ich. „Wie weit die Kraft doch reicht.“

Ich stehe öfter auf dieser Fensterbank und schmettere Helene Fischer, Kerstin Ott und Andrea Berg, als mir lieb ist. Das liegt vor allem daran, dass mir vor einiger Zeit sexualisierte Gewalt widerfahren ist, was mir eine Zeit lang einigermaßen zu schaffen gemacht hat. Mittlerweile ist es meist gar nicht mehr die Sache an sich, die mich den Putzlappen schwingen lässt, sondern wie andere Leute mit mir und dem Wissen von der Gewalt, die mir widerfahren ist, umgehen. Es gibt kaum etwas, was mir mehr weh tut, als zu sehen, wie Menschen, die in der Theorie absolut solidarisch mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt sind, dann doch unsolidarisch handeln und es nicht hinbekommen, sich dafür zu entschuldigen. Ich glaube, das könnte anders sein, deshalb schreibe ich diesen Text.

Ich wienerte die Scheiben, als sich eine feministische Journalistin nicht mehr bei mir meldete, nachdem ich ihr eine Stunde lang von der Vergewaltigung und dem emotionalen Missbrauch danach erzählt hatte. Sie hatte mich angeschrieben, um über die Geschichte zu berichten, und ich war erst sehr zögerlich gewesen, überhaupt mit ihr zu sprechen. Ein anderes Mal schwang ich den Lappen, nachdem ich auf einer feministischen Veranstaltung eine Performance gesehen hatte, in der eine Vergewaltigung aus Täterperspektive gezeigt wurde, weil das nach Ansicht der Veranstalter_innen in der Debatte um sexualisierte Gewalt zu kurz komme. Nach der Performance ließ eine der Veranstalterinnen dann verlauten, dass sexualisierte Gewalt oft mit schlechter Kommunikation zu tun habe und dass das für Täter auch schlimm sei. Diese Person macht sonst übrigens feministische Podcasts zum Thema Sex. Dann gab es noch den Feministen, der mir am Ende unserer Beziehung mitteilte, dass er nicht mit mir hätte schlafen können, wenn er meine Gewaltwiderfahrnisse nicht von sich ferngehalten hätte. Deshalb habe er versucht nicht so viel mit mir über die Vergewaltigung zu sprechen. „Wenn ich am Boden liege, erzählst du mir, dass ich bald fliege.“ Es gibt Schöneres als sich solche Dinge von Menschen anzuhören, die feministisches Zeug publizieren.

Das Gemeinsame all dieser Situationen ist das Unbehagen der Anderen, als ich versuchte ihnen deutlich zu machen, dass und warum mir ihr Verhalten weh tat. Die Journalistin schrieb mir eine sehr offen entschuldigende E-Mail. Die Gruppe mit der Performance ließ mich wissen, dass ihnen sexualisierte Gewalt ein riesiges Anliegen sei, aber dass ich ja auch einfach den Raum hätte verlassen können. Meine Ex-Beziehung, nun, die blieb bei ihrer Aussage. Allen drei ist gemein, dass sie jeweils davon sprachen und schrieben, wie überfordernd, groß und schwierig das Thema für sie sei: meine Vergewaltigung!1!elf

Ich kann das irgendwo verstehen und ja, das ist ein großes, schweres Thema. Aber die eigene Überforderung ins Zentrum zu stellen, wenn das Gegenüber unsolidarisches, uncooles oder sexistisches Verhalten in Bezug auf den Umgang mit seinen Schilderungen von Widerfahrnissen sexualisierter Gewalt kritisiert, hinterlässt einen faden Beigeschmack. Nämlich den: Wer sich Betroffenen von sexualisierter Gewalt gegenüber kacke verhält, kann eigentlich gar nicht so viel dafür. Weil normal, das Thema ist halt „extrem schwierig“. Besonders bitter ist es, wenn dem dann nichts mehr folgt. Keine Nachfragen, kein Übernehmen von Verantwortung, kein Angebot sich zu kümmern.

Wenn ich meine Erfahrungen benenne dann fühlen sich viele Menschen auf dünnes Eis geschubst. Und ja, es ist im Allgemeinen gut, wenn mit dem Thema sensibel umgegangen wird. Aber hinter der Unsicherheit der Anderen stecken oft stigmatisierende Ideen davon, wie ich, die vergewaltigte Person, jetzt drauf sein und wie sehr eine Vergewaltigung die Betroffenen zerstören müsse. All das hat mit meinem Erleben wenig zu tun, auch wenn es natürlich stimmt, dass es mir zeitweise so schlecht ging wie meinen Lebtag noch nicht. Ich gehe trotzdem arbeiten, habe liebevolle Beziehungen, lache, halte Vorträge, schreibe Texte wie diesen hier. Und ja, manchmal singe ich Schlager und putze dabei meine Fenster.

Das Bild des gebrochenen, kaputten Opfers, mit dem der Umgang grundsätzlich nicht einfach sei, ist ein Problem, weil es ein Teil der Tabuisierung ist, mit der sexualisierte Gewalt gesamtgesellschaftlich heruntergespielt wird. Es ist ein Mythos und außerdem stigmatisierend, zu denken, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt alle völlig zerstört seien und nix mehr hinbekämen. Zwar ist das oft zeitweise und für einige Betroffene auch länger der Fall. Dennoch trägt eine verallgemeinernde Sichtweise auf Betroffene dazu bei, sexualisierte Gewalt als eine Art „Ausnahme“ zu betrachten, die sie nicht ist: Wenn nur diejenigen „wirklich“ vergewaltigt wurden, die danach komplett im Eimer sind, dann können das ja gar nicht so viele sein. Dieses Bild führt auch dazu, dass Betroffene selbst herunterspielen und nicht ernstnehmen, was ihnen passiert ist. Weil sie halt nicht fertig genug sind.

Ich denke, es ist für einige Menschen leichter sich dahinter zu verstecken, wie vermeintlich schwierig und kompliziert der Umgang mit Betroffenen ist, als sich zu fragen, woher das eigene Unbehagen mit dem Thema sexualisierte Gewalt eigentlich kommt. Warum ist es leichter unsolidarisch mit Betroffenen zu sein, als Verantwortung zu übernehmen? Was wird möglicherweise an eigenen Erfahrungen abgewehrt und auf „die (wenigen) Betroffenen“ projiziert? Ist man vielleicht selbst mit Leuten befreundet oder bekannt, die übergriffig waren und sind? Ist man vielleicht selbst schon übergriffig geworden? Ich denke, die Unsicherheit mit dem, was mir widerfahren ist, sagt mehr über die verunsicherten Anderen aus als über mich.

Immer wieder mit dem Bild des „kaputten Opfers“ abgeglichen zu werden ist anstrengend und hält mich davon ab, offen über das sprechen zu können, was mir widerfahren ist. Aus den Projektionen der Anderen resultiert eine merkwürdige dünne Linie, auf der ich tanze: Ich bin genötigt, weder „zu fertig“ noch „nicht fertig genug“ zu wirken. Wenn ich irgendeine Äußerung oder Handlung kritisiere, weil ich sie als verletzend oder unsolidarisch in Bezug auf meine Gewaltwiderfahrnisse erlebe, dann werde ich als „zu fertig“ wahrgenommen. Die Leute haben Schiss, das kaputte Vergewaltigungsopfer verletzt zu haben, sind überfordert, finden alles total schwierig und verfallen in Passivität. Wenn ich „nicht fertig genug“ wirke, bagatellisieren viele Leute meine Erfahrungen, nehmen mich nicht ernst und verletzen mich mit ihren Ideen davon, was mir wohl damals „wirklich“ passiert sei. Wenn ich arbeiten gehe, Sex habe und Texte über die ganze Scheiße schreibe, dann kann es ja nicht so wild gewesen sein. Es ist nicht leicht, zwischen diesen zwei Seiten zu navigieren und ich tanze dieses Tänzchen nicht für mich, sondern für ein Publikum, das sich leider in die falsche Aufführung verirrt zu haben scheint.

Es ist völlig ok, es mal zu verkacken. Es ist auch ok, es mal richtig hart zu verkacken. Mir ist das auch schon öfter passiert. Ich wünsche mir aber, dass nicht ich die Verantwortung zugeschustert bekomme oder meine Erfahrungen in Frage gestellt werden, wenn andere den Maximal-Flachköpper ins Fettnäpfchen machen. Nein, nur weil mich etwas verletzt hat, heißt das nicht, dass ich gar nicht mehr klarkomme! Aber nur weil ich nicht völlig zusammenbreche heißt das andersrum auch nicht, dass es nicht ernst ist! Es wäre schön, eine Entschuldigung und die Frage zu hören, was mir helfen würde. Fragen oder Angebote, wie man solidarisch sein kann. Lasst uns die Verantwortung übernehmen, nachfragen und uns kümmern, wenn wir es verkacken. Auch und grade, wenn wir verunsichert sind. Sonst bleibt übrig, dass sich Betroffene isoliert und alleine fühlen, und ich will irgendwann auch mal wieder was anderes als PUR hören.

 

 

Männlichkeit und Machtverhältnisse in heterosexuellen Beziehungen (FICKO – podcast)

Bilke spricht mit Dr. Ann-Madeleine Tietge über Männer, die zu kleinen Jungs werden und Frauen, die ihre Partner bemuttern müssen. Großes Tennis.

Podcast für FICKO – Magazin für gute Sachen. Und gegen Schlechte. am 15.08.2019