Von fehlender Solidarität und falschen Zuschreibungen – wie wir mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt (nicht) umgehen sollten

Ich stehe auf meinem Fensterbrett, singe johlend den aus meinen Boxen schallenden PUR Hitmix mit und putze meine Fenster. Das mache ich oft, wenn es mir nicht gut geht. „Lena, du hast es oft nicht leicht“, singen Hartmut Engler und ich. „Wie weit die Kraft doch reicht.“

Ich stehe öfter auf dieser Fensterbank und schmettere Helene Fischer, Kerstin Ott und Andrea Berg, als mir lieb ist. Das liegt vor allem daran, dass mir vor einiger Zeit sexualisierte Gewalt widerfahren ist, was mir eine Zeit lang einigermaßen zu schaffen gemacht hat. Mittlerweile ist es meist gar nicht mehr die Sache an sich, die mich den Putzlappen schwingen lässt, sondern wie andere Leute mit mir und dem Wissen von der Gewalt, die mir widerfahren ist, umgehen. Es gibt kaum etwas, was mir mehr weh tut, als zu sehen, wie Menschen, die in der Theorie absolut solidarisch mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt sind, dann doch unsolidarisch handeln und es nicht hinbekommen, sich dafür zu entschuldigen. Ich glaube, das könnte anders sein, deshalb schreibe ich diesen Text.

Ich wienerte die Scheiben, als sich eine feministische Journalistin nicht mehr bei mir meldete, nachdem ich ihr eine Stunde lang von der Vergewaltigung und dem emotionalen Missbrauch danach erzählt hatte. Sie hatte mich angeschrieben, um über die Geschichte zu berichten, und ich war erst sehr zögerlich gewesen, überhaupt mit ihr zu sprechen. Ein anderes Mal schwang ich den Lappen, nachdem ich auf einer feministischen Veranstaltung eine Performance gesehen hatte, in der eine Vergewaltigung aus Täterperspektive gezeigt wurde, weil das nach Ansicht der Veranstalter_innen in der Debatte um sexualisierte Gewalt zu kurz komme. Nach der Performance ließ eine der Veranstalterinnen dann verlauten, dass sexualisierte Gewalt oft mit schlechter Kommunikation zu tun habe und dass das für Täter auch schlimm sei. Diese Person macht sonst übrigens feministische Podcasts zum Thema Sex. Dann gab es noch den Feministen, der mir am Ende unserer Beziehung mitteilte, dass er nicht mit mir hätte schlafen können, wenn er meine Gewaltwiderfahrnisse nicht von sich ferngehalten hätte. Deshalb habe er versucht nicht so viel mit mir über die Vergewaltigung zu sprechen. „Wenn ich am Boden liege, erzählst du mir, dass ich bald fliege.“ Es gibt Schöneres als sich solche Dinge von Menschen anzuhören, die feministisches Zeug publizieren.

Das Gemeinsame all dieser Situationen ist das Unbehagen der Anderen, als ich versuchte ihnen deutlich zu machen, dass und warum mir ihr Verhalten weh tat. Die Journalistin schrieb mir eine sehr offen entschuldigende E-Mail. Die Gruppe mit der Performance ließ mich wissen, dass ihnen sexualisierte Gewalt ein riesiges Anliegen sei, aber dass ich ja auch einfach den Raum hätte verlassen können. Meine Ex-Beziehung, nun, die blieb bei ihrer Aussage. Allen drei ist gemein, dass sie jeweils davon sprachen und schrieben, wie überfordernd, groß und schwierig das Thema für sie sei: meine Vergewaltigung!1!elf

Ich kann das irgendwo verstehen und ja, das ist ein großes, schweres Thema. Aber die eigene Überforderung ins Zentrum zu stellen, wenn das Gegenüber unsolidarisches, uncooles oder sexistisches Verhalten in Bezug auf den Umgang mit seinen Schilderungen von Widerfahrnissen sexualisierter Gewalt kritisiert, hinterlässt einen faden Beigeschmack. Nämlich den: Wer sich Betroffenen von sexualisierter Gewalt gegenüber kacke verhält, kann eigentlich gar nicht so viel dafür. Weil normal, das Thema ist halt „extrem schwierig“. Besonders bitter ist es, wenn dem dann nichts mehr folgt. Keine Nachfragen, kein Übernehmen von Verantwortung, kein Angebot sich zu kümmern.

Wenn ich meine Erfahrungen benenne dann fühlen sich viele Menschen auf dünnes Eis geschubst. Und ja, es ist im Allgemeinen gut, wenn mit dem Thema sensibel umgegangen wird. Aber hinter der Unsicherheit der Anderen stecken oft stigmatisierende Ideen davon, wie ich, die vergewaltigte Person, jetzt drauf sein und wie sehr eine Vergewaltigung die Betroffenen zerstören müsse. All das hat mit meinem Erleben wenig zu tun, auch wenn es natürlich stimmt, dass es mir zeitweise so schlecht ging wie meinen Lebtag noch nicht. Ich gehe trotzdem arbeiten, habe liebevolle Beziehungen, lache, halte Vorträge, schreibe Texte wie diesen hier. Und ja, manchmal singe ich Schlager und putze dabei meine Fenster.

Das Bild des gebrochenen, kaputten Opfers, mit dem der Umgang grundsätzlich nicht einfach sei, ist ein Problem, weil es ein Teil der Tabuisierung ist, mit der sexualisierte Gewalt gesamtgesellschaftlich heruntergespielt wird. Es ist ein Mythos und außerdem stigmatisierend, zu denken, dass Betroffene von sexualisierter Gewalt alle völlig zerstört seien und nix mehr hinbekämen. Zwar ist das oft zeitweise und für einige Betroffene auch länger der Fall. Dennoch trägt eine verallgemeinernde Sichtweise auf Betroffene dazu bei, sexualisierte Gewalt als eine Art „Ausnahme“ zu betrachten, die sie nicht ist: Wenn nur diejenigen „wirklich“ vergewaltigt wurden, die danach komplett im Eimer sind, dann können das ja gar nicht so viele sein. Dieses Bild führt auch dazu, dass Betroffene selbst herunterspielen und nicht ernstnehmen, was ihnen passiert ist. Weil sie halt nicht fertig genug sind.

Ich denke, es ist für einige Menschen leichter sich dahinter zu verstecken, wie vermeintlich schwierig und kompliziert der Umgang mit Betroffenen ist, als sich zu fragen, woher das eigene Unbehagen mit dem Thema sexualisierte Gewalt eigentlich kommt. Warum ist es leichter unsolidarisch mit Betroffenen zu sein, als Verantwortung zu übernehmen? Was wird möglicherweise an eigenen Erfahrungen abgewehrt und auf „die (wenigen) Betroffenen“ projiziert? Ist man vielleicht selbst mit Leuten befreundet oder bekannt, die übergriffig waren und sind? Ist man vielleicht selbst schon übergriffig geworden? Ich denke, die Unsicherheit mit dem, was mir widerfahren ist, sagt mehr über die verunsicherten Anderen aus als über mich.

Immer wieder mit dem Bild des „kaputten Opfers“ abgeglichen zu werden ist anstrengend und hält mich davon ab, offen über das sprechen zu können, was mir widerfahren ist. Aus den Projektionen der Anderen resultiert eine merkwürdige dünne Linie, auf der ich tanze: Ich bin genötigt, weder „zu fertig“ noch „nicht fertig genug“ zu wirken. Wenn ich irgendeine Äußerung oder Handlung kritisiere, weil ich sie als verletzend oder unsolidarisch in Bezug auf meine Gewaltwiderfahrnisse erlebe, dann werde ich als „zu fertig“ wahrgenommen. Die Leute haben Schiss, das kaputte Vergewaltigungsopfer verletzt zu haben, sind überfordert, finden alles total schwierig und verfallen in Passivität. Wenn ich „nicht fertig genug“ wirke, bagatellisieren viele Leute meine Erfahrungen, nehmen mich nicht ernst und verletzen mich mit ihren Ideen davon, was mir wohl damals „wirklich“ passiert sei. Wenn ich arbeiten gehe, Sex habe und Texte über die ganze Scheiße schreibe, dann kann es ja nicht so wild gewesen sein. Es ist nicht leicht, zwischen diesen zwei Seiten zu navigieren und ich tanze dieses Tänzchen nicht für mich, sondern für ein Publikum, das sich leider in die falsche Aufführung verirrt zu haben scheint.

Es ist völlig ok, es mal zu verkacken. Es ist auch ok, es mal richtig hart zu verkacken. Mir ist das auch schon öfter passiert. Ich wünsche mir aber, dass nicht ich die Verantwortung zugeschustert bekomme oder meine Erfahrungen in Frage gestellt werden, wenn andere den Maximal-Flachköpper ins Fettnäpfchen machen. Nein, nur weil mich etwas verletzt hat, heißt das nicht, dass ich gar nicht mehr klarkomme! Aber nur weil ich nicht völlig zusammenbreche heißt das andersrum auch nicht, dass es nicht ernst ist! Es wäre schön, eine Entschuldigung und die Frage zu hören, was mir helfen würde. Fragen oder Angebote, wie man solidarisch sein kann. Lasst uns die Verantwortung übernehmen, nachfragen und uns kümmern, wenn wir es verkacken. Auch und grade, wenn wir verunsichert sind. Sonst bleibt übrig, dass sich Betroffene isoliert und alleine fühlen, und ich will irgendwann auch mal wieder was anderes als PUR hören.

 

 

Sie haben mir was mitgebracht…

In der letzten Woche habe ich zwei Vorträge gehalten: Einen in Cottbus und einen in Stendal. Beide Male ging es um den Zusammenhang von sexualisierter Gewalt und Männlichkeit.

Ich bin es gewohnt, dass mein Vortrag hitzige Diskussionen im Publikum auslöst und dass sich insbesondere Männer auf den Schlips getreten fühlen. Normalerweise äußert sich das in Kommentaren darüber, dass Weiblichkeit aber auch problematisch sei, dass Frauen auch Täterinnen von sexualisierter Gewalt sein können und dass Männer auch Probleme hätten. Auf alle diese Einwände habe ich gute Antworten, worauf ich keine guten Antworten habe, ist die Wut, mit der diese Wortmeldungen des Öfteren vorgetragen werden.

In Cottbus schleuderte mir ein Zuhörer entgegen, dass mein Vortrag Ausdruck totalitären Denkens sei und ich mich nicht wundern müsse, wenn dann Hass auf der Gegenseite entstehen würde. Sein Hass war deutlich spürbar und ich vermied es nach der Veranstaltung in seiner Nähe zu stehen. Ein anderes Mal ließ mich ein aufgewühlter Zuhörer wissen, dass ich männerfeindlich sei. Kommentare unter meinen Vortragsankündigungen und einem Mitschnitt meines Vortrags drehen sich regelmäßig um die Frage, ob ich überhaupt kompetent sei und wieso ich wohl auf die Idee käme überhaupt so einen Vortrag zu halten.

Im Prinzip geht es bei diesen gekränkten Reaktionen immer um dieselbe Sache: Den Inhalt meines Vortrags nicht wahrhaben zu wollen. Und das kann ich gut nachvollziehen, denn meine Punchlines sind gruselig: 1. Gut jede zehnte in Deutschland lebende Frau hat sexualisierte Gewalt erfahren und wenn es um Gewalt gegen Frauen im Erwachsenenalter geht, sind die Täter zu guten 99% Männer. 2. Vorstellungen darüber wie Männer zu sein haben, sind eine wesentliche Ursache für diese statistische Lage. 3. Männlichkeit ist nicht erst ein Problem, wenn Männer gewalttätig werden, sondern alle Männer und insbesondere linke, sich mit feministischen Zielen solidarisierende Männer, müssen sich mit diesem Thema persönlich auseinandersetzen.

Ich belege alle diese Dinge anhand wissenschaftlicher Studien, ich habe viel Zeit und Grips investiert einen Vortrag zu konzipieren, der nicht abgehoben wissenschaftlich ist und der viel Raum für Nachfragen lässt. Ich wähle meine Worte mit Bedacht und betone mehrmals, dass „natürlich nicht alle Männer so sind“ oder „dass ich nichts gegen Männer habe“, auch wenn ich mir wünschen würde, dass ich das nicht müsste. Ich erkläre, wie sozialpsychologische Forschung funktioniert und ich weise darauf hin, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich Leute durch meinen Vortrag angegriffen fühlen und dass es zwar nicht mein Ansinnen ist Männer zu ärgern, aber dass ich die Sachlage trotzdem nicht beschönigen werde. Kurz, ich gebe alles, um meine Inhalte wenig kränkend und gleichzeitig so radikal wie möglich zu vermitteln.

Aber es nützt alles nichts, immer wieder werden meine Motive hinterfragt. Es wird kritisiert, dass mein Vortrag politisch kontraproduktiv sei. Es wird mir Bösartigkeit und ideologische Verblendung (aka Feminazismus) diagnostiziert. Mein persönliches Highlight war, als mir einmal vorgeworfen wurde, ich hätte ja gar keinen Doktortitel, wie ich denn auf die Idee käme überhaupt etwas zu dem Thema zu sagen. Mir begegnen teilweise absurde Argumente, warum mein Vortrag falsch, übertrieben, irrelevant, zu radikal, boshaft etc. sei. Menschen, insbesondere Männer in meinem Publikum, machen gedanklich lieber drei Purzelbäume, als sich mit dem schmerzhaften Gefühl auseinanderzusetzen, dass auch sie Teil eines unterdrückerischen Systems sind und dass auch ihre Identität, Persönlichkeit, Werte, Ziele, Wünsche und Verhalten durchzogen sind von Dingen, die dieses System aufrechterhalten.

Ich habe bemerkt, dass sich die Stimmung im Publikum verbessert, wenn ich davon berichte, dass auch ich Verhaltensweisen ansozialisiert bekommen habe, die ich problematisch finde. Ich erzähle öfter, dass ich weiblich sozialisiert bin und dass es mich gruselt und unendlich traurig macht, zu beobachten, wie das zu meiner eigenen Unterdrückung und Gewalterfahrung beiträgt. Es fühlt sich nach Sell-out an, diesen Mechanismus zu nutzen, um das Publikum zu mehr Offenheit zu bewegen. Ich räume vorgeblich ein wenig Schuld ein, ich räume ein, ein Teil der Dynamik zu sein und schon können sich die Leute besser einlassen. Als würde das etwas daran ändern, dass Taten weiter passieren, wenn Täter sie begehen. Ganz egal, wie sehr ich mich reflektiere.

Unsichere Männer und schlechte Witze

Es gibt eine Erzählung über mich, die geht ungefähr so: „Du bist anders geworden, weil du ‚elaboriert‘ gesagt hast“. Es ist die neue Sprache, die ich gelernt habe, damit ich nicht auffalle, damit ich vorankomme, damit ich halbwegs ernst genommen werde. Es ist diese Erzählung, warum manche Menschen in meinem Leben sich nicht nachzufragen trauen, wenn ich meine neuen Worte benutze, weil sie Angst haben, dass ich sie für verblödet halte. Es ist der Grund, warum manche Menschen über mich sagen, ich sei abgehoben und warum ich manchmal „wegen dem“ statt „deswegen“ sage, obwohl ich es besser weiß. Es sind die Worte, die ich nicht zuhause gelernt habe, derentwegen ich mich manchmal schäme.

Es gibt diesen verkniffenen Witz über mich, der geht ungefähr so: „Du bist intellektuell, weil du ‚elaboriert‘ gesagt hast“. Ich verstehe den Witz nicht. Ich glaube, das heißt auch, dass ich abgehoben bin. Nur anders. Es ist das Unbehagen, dass es meinen Master M.Sc. und mein Fremdwörterwissen nicht gratis auf dem Akademikerkinder-Grabbeltisch des bürgerlichen Lebens gab. Es ist diese eine Erzählung, dass keine existieren darf, die nicht genauso ist wie alle anderen, keine Proletenfrau, die mehr Wörter kann als ein Akademikersohn. Es ist ein Coming of Age-Männer-Roman über Unsicherheiten, Schmerzen und Ansprüche, die eigentlich nicht unsere sind, die zu unseren gemacht werden.

Verängstigte, manchmal fiese, unglückliche Menschen

Mit 19 Jahren war ich verliebt in meine_n Mitbewohner_in Elli. Wir waren unglückliche Teenager in Bremerhaven, gefangen zwischen am Deich meiern, the Cure hören und unserer Überforderung ein Leben fernab von unseren Elternhäusern gebacken zu kriegen. Wir liebten uns und alle wussten es. Elli, meine Freundinnen, der besoffene Arsch, der uns „ficki ficki lesbi lesbi“ auf der Straße hinterherrief. Nur ich wusste es nicht. Ich wollte all meine Zeit mit diesem Menschen verbringen. Ich wollte diesen Menschen beeindrucken, von ihm verstanden und geliebt werden. Und trotzdem brach ich Elli immer wieder das Herz.

Manchmal hatte ich einen lichten Moment und mir dämmerte, dass meine sogenannte beste Freund_in und ich alle Kriterien einer romantischen Beziehung erfüllten. All inclusive. Ich hatte panische Angst lesbisch zu sein, ich sag es euch, und deshalb fuhr ich immer wieder mit einem Bulldozer über Ellis Gefühle.

Elli schrieb mir noch jahrelang Postkarten, weil Elli wusste, wie sehr ich es liebe Post zu bekommen. Elli schrieb mir Liebesbriefe, die ich nicht verstand. Erst 7 Jahre später, 7 fucking Jahre später, als ich den Karton mit den Briefen wieder rausholte, verstand ich Ellis Worte und verstand, was für ein mieses Arschloch ich gewesen war. Ich verstand, wie meine erste große Liebe an mir vorbeigezogen war, ohne dass ich es mitbekommen hatte. Und alles, weil ich mir nicht eingestehen konnte ein kleiner Homo zu sein. Oder queer. Oder was auch immer das ist, was ich bin.

Es hat etwas gedauert, aber ich habe es mir verziehen. Denn das ist, was internalisierte Homofeindlichkeit aus Menschen macht: Verängstigte, manchmal fiese, unglückliche Lappen.

 

Alles neu.

Ich habe diesen Blog mal angefangen, weil ich ziemlich sauer über alles war. Daher hieß er bis vor Kurzem auch „Angermanagement Pt.1 – Über das Leben einer Dorfproletin in der Stadt“. Versteht mich nicht falsch, ich bin immernoch ziemlich sauer und bleibe eine Freundin der gepflegten, gelegentlichen Pöbelei. Ich will mich aber auch über andere Themen schreiben, die mich in den letzten Jahren, Monaten, Wochen, beschäftigt haben.

Ich habe zum Beispiel viel über Sexualität, Freund_innenschaft und Gefühle nachgedacht, nicht zuletzt, weil ich nicht so wirklich eine andere Wahl hatte im letzten Jahr. Kernerkenntnis: Danger Dan hat Recht, Gefühle sind wirklich ein Inkassoverfahren. Ich habe mich viel mit dem Thema Psychotherapie beschäftigt, nicht nur, aber auch weil ich in diesem Bereich seit ein paar Jahren nun schon arbeite. Wie kann das eigentlich zusammen mit einer machtkritischen Perspektive auf hier Dings gehen? Außerdem habe begonnen zu dem Zusammenhang von Männlichkeit und sexualisierter Gewalt zu arbeiten. Dazu halte ich zum Beispiel seit neustem Vorträge, was mir eine große Freude ist.

Mit dem Thema Klassismus habe ich mich in letzter Zeit weniger auseinandergesetzt, als es zu Anfangszeiten dieses Blogs der Fall war. Das Thema immer wieder über meinen Ärger und meine Enttäuschung anzugehen, hat mich mürbe gemacht mit der Zeit. Ich habe es deshalb erstmal sein lassen darüber zu schreiben (und lieber Fertignudeln mit meinen Homegirls gegessen – Shoutout an Lena²).

In meinem letzten Text habe ich geschrieben, dass hinter der Wut gar nichts liegt. Ich glaube heute würde ich sagen, hinter der Wut liegt einiges. Deshalb möchte ich nun mehr zu den Themen schreiben, die ich eben aufgezählt habe. Bestimmt, hoffentlich, wahrscheinlich springt dabei dann und wann ein mieser Rant heraus, aber nicht mehr nur.

Hinter der Wut liegt gar nichts.

Ich bekomme öfter ein Kompliment, auf das sich ein beachtlicher Teil meines Selbstwertes gründet: Ich sei ehrlich und direkt. Ich bullshitte selten, wenn mich etwas nervt, dann werden die Leute das zeitnah und wohlformuliert erfahren. Meistens jedenfalls. Ich finde das eine gute Eigenschaft.

In letzter Zeit merke ich jedoch, dass es immer schwieriger wird, dieser Mensch zu sein. Ich bin sauer, stinksauer. Irgendwann habe ich angefangen diesen Blog zu schreiben, um den Zorn wie eine dunkle Welle mit schäumender Gischt aus mir herausschlagen zu lassen. Weg von mir selbst, in den luftleeren Raum eines Blogs, den sowieso nur 5 Leute lesen würden, die mich kennen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich mehr kaum getraut. Ich dachte, Wut und Hass stehen mir nicht zu. Einmal, vor etwas mehr als einem Jahr, teilte ein Bekannter mit mehr Social Media Fame diesen Blog auf seiner Seite und dann diskutierten plötzlich zwanzig Fremde unter dem Post über meine Texte. I nearly crapped my pants. Das ist jetzt glücklicherweise anders. Wenn Menschen etwas von mir lesen und kommentieren, bekomme ich meistens keine Schweißausbrüche mehr. Aber viel einfacher hat das die Sache mit dem Ausrasten nicht gemacht. Mir ist eigentlich nur deutlicher geworden, dass die eigentliche Frage hinter diesem Blog ist, wie viel Wut zu viel Wut ist.

Versteht mich nicht falsch. Ich denke es gibt gute Gründe alles kurz und klein schlagen zu wollen. Wenn ich in mich hineinhorche, fallen mir von 1988 bis 2018 circa 786 Gründe ein mit einem Bulldozer die ganze Welt auf Streichholzschachtelformat zusammenzuschieben. Ich bin froh, dass ich das mittlerweile wenigstens merke. In meiner Jugend, als sich die Bilanz zwar auf weniger, aber dennoch genug gravierende Gründe belief, wurde ich depressiv. Eine Gefühlslage, die mich mehr oder weniger mein ganzes Leben lang begleitete. Erst, als es mir mit Ende 20 gelang, diese Scheiße dahin zu wenden, wo sie hingehört, nach außen, konnte ich die lähmende Trägheit, den Stupor, von meinen Schultern nehmen.

Und jetzt sitze ich da, mit Gefühlen, die ich immerhin verstehen kann, aber die dennoch vehement nach Umgang fordern. Ich bin sauer, dass mir diese Woche zwei Männer auf die Titten geglotzt und dabei „hey hey“ und „oha“ gerufen haben. Ich bin sauer, dass ein monatelanger Gast meiner Mitbewohnerin mich eine „deutsche Nutte“ nannte, als sie vor kurzem auszog. Die Begründung: Ich hätte „jeden Abend einen anderen Mann in meinem Bordell-WG-Zimmer“. Schön wärs. Ich bin sauer, weil ich dazu erzogen wurde eine Ehefrau auf dem Kaff zu werden, was ich nicht tue und nun ständig neckisch gefragt werde, ob ich schon verlobt sei. Gepaart mit mehr oder weniger subtilen Fragen nach meiner sexuellen Orientierung und Kommentaren, dass alle meinen Ex-Freund aber sehr gerne gemocht hätten. Wie hat sie den nu wieder vertrieben? Ich bin sauer, weil ich gar nicht hinterherkomme mich zu entscheiden, wann, wo, wie und in welchem Ausmaß ich in den Kampf reiten soll. Lanze raus und meine Frau stehen. Ich bin sauer, wenn ich meinen Körper anschaue und an ihm die Spuren begutachte, die jahrelanges Kommentieren meines Gewichts, meines Doppelkinns, das fettheitsprüfende Zwicken in meine „Teddyohren“ an ihm hinterlassen haben. Ich bin sauer auf jeden einzelnen von diesen Arschgesichtern, die im wörtlichen Sinn einen Fick gegeben haben, wo meine Grenzen lagen. Ich könnte ewig weitermachen.

Und dann stehe ich da und frage mich, ob ich überreagiere, wenn ich einen Mann, der mir erzählt, Frauen würden sich nur für Arschlöcher interessieren mit einem wütenden Monolog zum Weinen bringe. Oder wenn ich rumpöbele, weil mich drei Freunde separat voneinander darauf hinweisen, dass ein Freund von ihnen, den ich zuvor für eine dreiste Email an mich kritisiert hatte, psychische Probleme habe und eigentlich ganz „nett“ und „reflektiert“ sei. Oder ob es zuviel des Guten ist, dass ich den Freund einer guten Freundin von mir zusammenschreie, weil er mir an den Arsch gefasst hat, während mehrere Bekannte betreten daneben stehen. Diese Beispiele rechtfertigen sicher eine direkte wütende Reaktion, ich merke aber, dass sie sich in meinen Alltag, in meine Sicht auf die Welt fressen. Wenn mich einer fragt, was mit diesem Typen mit der Email ging, rante ich für 3 Minuten erbost los und entschuldige mich dann kleinlaut. Und werde dann gleich wieder sauer, weil ich merke, dass ich trotz allem berechtigten Zorn so nicht weitermachen kann. Es ist ein Arschloch von einer Zwickmühle, an dem ich irgendwann eingehe, wenn das so weitergeht. Hinter der Wut kommt noch mehr Wut.

Jetzt sollte wohl ein karthatischer Abschluss folgen. Einer, der die Wogen glättet, der die Widersprüchlichkeit des Textes in einem Lifehack aufgehen lässt.

Jan und Paul.

Neulich lernte ich einen jungen Mann namens Jan kennen, der mir erklärte, dass Frauen einen Uterus haben und deshalb eine zuvorkommende Behandlung in der Gesellschaft bräuchten. Das Potential ein Balg aus sich zu quetschen sei objektiv, wissenschaftlich bewiesen, unanfechtbar der Grund, warum Frauen am Frauenkampftag nicht kämpfen, sondern früher von der Arbeit nach Hause gehen sollen dürften. Und Blumen kriegen. Und im Bus einen Sitzplatz angeboten bekommen. Weniger Muskelmasse und ein Uterus.

Wir saßen in einer Küche in der Nähe des Barrio Chino in Havanna, Kuba, und tranken ein Bier zum Mittagsessen. Er war ein Deutscher, den Lena, die ich besuchte, kennengelernt hatte. Wir aßen Reis und Gemüse. Lenas Mitbewohner Paul hatte den deutschen Altsozialisten im Körper eines 27-jährigen Jünglings eingeladen. Er sagte, ich würde ihn falsch verstehen, weil das, was er sagte sehr kompliziert sei. Er sagte, er verstehe nicht, dass sich deutsche Frauen über sexistische Anmachen auf Havannas Straßen beschweren, aber dann von diesem Verhalten der kubanischen Männer profitieren würden. Die ficken die einfach, die Kubaner. Er sagte, er würde anders denken als die Deutschen, er sei kubanisiert in der Hinsicht. Er sagte, Frauen nähmen 2-3 Kilo in der Schwangerschaft zu, deshalb wäre es natürlich sie zu schonen. In Deutschlands Linke sei das mit dem Antisexismus ein bisschen viel manchmal. Einmal habe ihn eine kritisiert, dass er so männlich rumstünde. Und auf Kuba ficken die doitschen Frauen kubanische Männer und beschweren sich vorher und nachher und immerzu über sexistische Anmachen.

Paul hatte mir einige Tage vorher erklärt, dass ich meine Geldscheine nicht so herumwedeln solle, da die Bevölkerung Kubas sehr arm und das dementsprechend unangebracht sei. Paul sagte, das Problem sei, dass Frauen sich immer Männer aussuchen, die sie sexistisch behandeln. Ich sagte, er sei ein schlimmeres Arschloch als die Männer, die wenigstens sagen, dass Frauen für sie nur zum Ficken gut seien. Er fing zu weinen an und ich sagte, dass seine pseudofeministische Grüne Jugend Niedersachsen-Sozialisation mir am Arsch vorbeigehe. Lena sagte, ich habe recht, aber der hätte genug. Eigentlich können die nie genug haben.

Ich bin gefangen in einem Körper aus Fleisch und Blut und einem Uterus und wissenschaftlich bewiesener Wertlosigkeit. Dieser Körper wird heute dem Boden entgegen gezogen, er legt sich nieder und starrt aus weit aufgerissenen Augen in den Himmel, wartet bis der Stupor sich auflöst und vielleicht eine Träne über seine Wange rinnt, auf dem Boden aufschlägt und die Erschütterung mich aufweckt. Mein Uterus und ich. Mein Uterus und Paul und Jan. Mein Uterus und der Frauenkampftag. Mein Uterus und die Fickbarkeit. Mein Uterus und nette, linke Männer.