2020 hat angerufen…

Vor einem Jahr kam durch eine NDR-Reportage heraus, dass Henning F., pseudolinkes Arschloch aus Leipzig, auf dem Monis Rache Festival Kameras in den Dixi-Toiletten installiert und seine Aufnahmen von Frauen auf Pornoseiten verkauft hatte. Es kam auch heraus, dass die Reaktionen seines Umfeldes und von eingeweihten Organisator*innen des Festivals, wie so oft in „feministischen“ Gruppen, für den Mülleimer waren. Trotz jahrzehntelanger Beschäftigung mit sexueller Gewalt in politischen Strukturen und der Gesellschaft allgemein durften wir wieder der altbekannten Shitshow mit dem Titel „es ist aber auch alles so schwierig“ beiwohnen.

Es kostet mich schon etwas Kraft nicht komplett zu verbittern nach diesem Jahr. Ich bin eine sogenannte Betroffene im Fall der Monis Rache Aufnahmen. Im Sommer 2020 erfuhr ich außerdem, dass ein Bekannter von mir, damals Kollektivmitglied in der linken Berliner Kneipe tristeza, in mehreren Fällen übergriffig geworden war unter Ausnutzung seiner Position als „cooler linker Barkeeper“. Er hatte sich auch mir als „der gute Feminist“ verkauft, der voll auf Konsens aus ist. Im k-fetisch, einem anderen linken Café-Kollektiv, in das ich gerne mal ging, gab es 2020 auch Tätervorwürfe.

Mir kommt der englische Ausspruch „too close to home“ in den Sinn. Im letzten Jahr hagelte es Vorwürfe um mich herum – die Einschläge sind zu nah an meinem Zuhause. 2020 hat angerufen und möchte dir noch mehr unter die Nase reiben, dass feministischer Aktivismus im Bereich sexuelle Gewalt rein gar nichts erreicht hat. Ich spüre den Impuls, den Rückzug anzutreten, nichts mehr zu machen. Kein Artikel, kein Vortrag, keine Therapie, keine Aufarbeitung, einfach gar nichts mehr.

Dabei ist es genau das, was ich selbst in meinen Vorträgen und Artikeln immer wieder predige: Wir alle kennen Täter, wir alle hängen mit ihnen rum. 2020 war aus dieser Perspektive vielleicht nur ein wenig ehrlicher als die anderen Jahre. Und dass es nun, da wieder ein Fall prominent diskutiert wurde, dazu kommt, dass sich andere Betroffene ebenfalls melden, ist nicht verwunderlich. Ich bin selbst Opfer von sexueller Gewalt durch ein anderes Szene-Arschloch und ich spüre, wie sich das Klima ändert. Wie es in greifbarere Nähe rückt, öffentlich frei über die Scheiße zu sprechen, die mir passiert ist.

2020 war ein hartes Jahr für mich. Mich hat jede neue Nachricht über neue Fälle aus dem Sattel geworfen. Zumindest ein oder zwei Tage hing ich eher so mit einem Fuß im Steigbügel und mit meiner Nase im Dreck. 2020 war aber auch notwendig und ich bewundere alle Menschen, denen Gewalt widerfahren ist, die es schaffen sich damit in die Öffentlichkeit zu stellen. Viel Liebe an euch!

Geh bitte! Harald Martenstein

Was ist noch schlimmer, als sich Harald Martensteins Kolumnen selber durchzulesen? Sie sich von ihm auf NDR.de vorlesen zu lassen. Da hört man dann nämlich, wie angestrengt »witzig« er alle Wörter betont, die er lächerlich findet. Studentisches »Re-gen-bo-gen-re-fe-rat« zum Beispiel. Oder »Pro-no-men-run-de«. (Komischerweise auch »Vi-de-ooo«.) Neben jeder dieser Aufnahmen prangt ein Foto, wie der langhaarige Provokateur seine witzigen Wahrheiten gestikulierend ins Mikro brummelt: »Damals waren die Sachen noch so und so…«. (…)

Kolumne für analyse&kritik vom 15. Dezember 2020

Gutherziger Satanismus

Der Satanic Temple trollt seit Jahren Christ*innen. Nun knöpft er sich das Thema Abtreibung vor

Gute Kommunist*innen lehnen Religionen ab, heißt es. Aber gilt das auch, wenn Aktivist*innen eine Religion gründen, um die Gesellschaft zu verändern? Die Satanist*innen des Satanic Temple sind sogenannte »social right activists«, Aktivist*innen für soziale Gerechtigkeit – in ihren sieben Grundsätzen verpflichten sich die Mitglieder unter anderem der Wissenschaftlichkeit und dem Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Seit seiner Gründung 2013 sorgte der Satanic Temple mit seinen Aktionen mehrmals für Furore, insbesondere unter teufelsgläubigen Christ*innen in den USA. (…)

Artikel für analyse&kritik vom 15. Dezember 2020.

Geh bitte! Johnny Depp

Die britische Zeitung The Sun hatte Johnny Depp einen »wife beater«, Ehefrauenschläger, genannt. Daraufhin hat der Schauspieler die Zeitung wegen Verleumdung verklagt – und nun verloren. Das Gericht kam zu der Erkenntnis, dass Depp seine frühere Ehefrau Amber Heard in zwölf Fällen angegriffen hatte. Dieser trat danach auf Bitte der Produktionsfirma Warner von seiner Hauptrolle im Film »Fantastische Tierwesen 3« zurück. In einer Petition fordern nun Fans, dass Depp seine Rolle zurückbekommt, und der bedankt sich auf Instagram für die vielen ermutigenden Nachrichten und den Zuspruch. Das alles klingt, als wäre Depps Villa gerade von einem Tornado ins Meer gerissen worden und nicht, als hätte ein Gericht entschieden, dass man den ewig mysteriös Dreinblickenden berechtigterweise einen Frauenschläger nennen darf. (…)

Kolumne für analyse&kritik vom 17. November 2020

Geh bitte! Antilopen Gang

Eigentlich wollte ich es mir und euch einfach machen und zu unser aller Frieden darüber schreiben, warum sich Marius Müller-Westernhagen, Deutschlands letzter Cowboy, zur Ruhe setzen muss. Da wären wir uns alle halbwegs einig gewesen, und niemand hätte sein Abo kündigen oder böse E-Mails an die Redaktion schreiben müssen. (…)

Kolumne für analyse&kritik vom 15. September 2020