Sie haben mir was mitgebracht…

In der letzten Woche habe ich zwei Vorträge gehalten: Einen in Cottbus und einen in Stendal. Beide Male ging es um den Zusammenhang von sexualisierter Gewalt und Männlichkeit.

Ich bin es gewohnt, dass mein Vortrag hitzige Diskussionen im Publikum auslöst und dass sich insbesondere Männer auf den Schlips getreten fühlen. Normalerweise äußert sich das in Kommentaren darüber, dass Weiblichkeit aber auch problematisch sei, dass Frauen auch Täterinnen von sexualisierter Gewalt sein können und dass Männer auch Probleme hätten. Auf alle diese Einwände habe ich gute Antworten, worauf ich keine guten Antworten habe, ist die Wut, mit der diese Wortmeldungen des Öfteren vorgetragen werden.

In Cottbus schleuderte mir ein Zuhörer entgegen, dass mein Vortrag Ausdruck totalitären Denkens sei und ich mich nicht wundern müsse, wenn dann Hass auf der Gegenseite entstehen würde. Sein Hass war deutlich spürbar und ich vermied es nach der Veranstaltung in seiner Nähe zu stehen. Ein anderes Mal ließ mich ein aufgewühlter Zuhörer wissen, dass ich männerfeindlich sei. Kommentare unter meinen Vortragsankündigungen und einem Mitschnitt meines Vortrags drehen sich regelmäßig um die Frage, ob ich überhaupt kompetent sei und wieso ich wohl auf die Idee käme überhaupt so einen Vortrag zu halten.

Im Prinzip geht es bei diesen gekränkten Reaktionen immer um dieselbe Sache: Den Inhalt meines Vortrags nicht wahrhaben zu wollen. Und das kann ich gut nachvollziehen, denn meine Punchlines sind gruselig: 1. Gut jede zehnte in Deutschland lebende Frau hat sexualisierte Gewalt erfahren und wenn es um Gewalt gegen Frauen im Erwachsenenalter geht, sind die Täter zu guten 99% Männer. 2. Vorstellungen darüber wie Männer zu sein haben, sind eine wesentliche Ursache für diese statistische Lage. 3. Männlichkeit ist nicht erst ein Problem, wenn Männer gewalttätig werden, sondern alle Männer und insbesondere linke, sich mit feministischen Zielen solidarisierende Männer, müssen sich mit diesem Thema persönlich auseinandersetzen.

Ich belege alle diese Dinge anhand wissenschaftlicher Studien, ich habe viel Zeit und Grips investiert einen Vortrag zu konzipieren, der nicht abgehoben wissenschaftlich ist und der viel Raum für Nachfragen lässt. Ich wähle meine Worte mit Bedacht und betone mehrmals, dass „natürlich nicht alle Männer so sind“ oder „dass ich nichts gegen Männer habe“, auch wenn ich mir wünschen würde, dass ich das nicht müsste. Ich erkläre, wie sozialpsychologische Forschung funktioniert und ich weise darauf hin, dass ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich Leute durch meinen Vortrag angegriffen fühlen und dass es zwar nicht mein Ansinnen ist Männer zu ärgern, aber dass ich die Sachlage trotzdem nicht beschönigen werde. Kurz, ich gebe alles, um meine Inhalte wenig kränkend und gleichzeitig so radikal wie möglich zu vermitteln.

Aber es nützt alles nichts, immer wieder werden meine Motive hinterfragt. Es wird kritisiert, dass mein Vortrag politisch kontraproduktiv sei. Es wird mir Bösartigkeit und ideologische Verblendung (aka Feminazismus) diagnostiziert. Mein persönliches Highlight war, als mir einmal vorgeworfen wurde, ich hätte ja gar keinen Doktortitel, wie ich denn auf die Idee käme überhaupt etwas zu dem Thema zu sagen. Mir begegnen teilweise absurde Argumente, warum mein Vortrag falsch, übertrieben, irrelevant, zu radikal, boshaft etc. sei. Menschen, insbesondere Männer in meinem Publikum, machen gedanklich lieber drei Purzelbäume, als sich mit dem schmerzhaften Gefühl auseinanderzusetzen, dass auch sie Teil eines unterdrückerischen Systems sind und dass auch ihre Identität, Persönlichkeit, Werte, Ziele, Wünsche und Verhalten durchzogen sind von Dingen, die dieses System aufrechterhalten.

Ich habe bemerkt, dass sich die Stimmung im Publikum verbessert, wenn ich davon berichte, dass auch ich Verhaltensweisen ansozialisiert bekommen habe, die ich problematisch finde. Ich erzähle öfter, dass ich weiblich sozialisiert bin und dass es mich gruselt und unendlich traurig macht, zu beobachten, wie das zu meiner eigenen Unterdrückung und Gewalterfahrung beiträgt. Es fühlt sich nach Sell-out an, diesen Mechanismus zu nutzen, um das Publikum zu mehr Offenheit zu bewegen. Ich räume vorgeblich ein wenig Schuld ein, ich räume ein, ein Teil der Dynamik zu sein und schon können sich die Leute besser einlassen. Als würde das etwas daran ändern, dass Taten weiter passieren, wenn Täter sie begehen. Ganz egal, wie sehr ich mich reflektiere.

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