When the truth is found to be lies.

Als ich angefangen habe, Sozialwissenschaften zu studieren, war das erste Ziel der Lehre uns einzuhämmern, dass alles konstruiert ist. Materialisierte Wahrheit gibt es gar nicht. Achso.

Ich hab das eigentlich eher gar nicht gecheckt, aber ich ließ mir nichts anmerken. Möglichst den Kopf einziehen und hoffen dass niemand merkt, dass ich eigentlich gar kein Plan hab, was ein Seminar ist. Ich mein, ich wusste ja schon nicht, was Topinambur ist, da konnte ich nicht auch noch den Konstruktivismus verkacken. Also, jaja genau, es gibt mehr als zwei Geschlechter, das ist ein Kontinuum oder so. Genau. Und Nationen sind imagined communities. Ja. Sind wir eigentlich deswegen dagegen oder weil wegen den Nazis? Was heißt antideutsch und antiimp und was davon ist die richtige Meinung? Warum haben eigentlich alle schon Marx gelesen und ich weiß nicht mal genau, wer das ist?

Ich war unselbstbewusst, obwohl ich eigentlich ein pfiffiges Kerlchen bin. Ich hatte Angst dass ich eigentlich konservativ bin, weil ich die eine Hälfte der Sachen, die die Linksradikalen da redeten nicht verstand und über die andere Hälfte noch nie nachgedacht hatte. Manchmal dachte ich, ich bin vielleicht im Herzen eine CDU-Wählerin. Oder irgendwer, die für eine Koalition von CDU und Grünen auf der Bundesebene ist. Ich hatte Angst, dass die mich enttarnen. Aber eigentlich konnte ich die meisten Linksradikalen auch gar nicht leiden. Wenn Anfang Zwanzigjährige um linksradikalen Fame streiten, dann bleibt nichts übrig für die Dorftrottel und Bauerntölpel. Ob es nun um Fubu-Hosen oder um Gramscis Gefängnishefte ging, ich war immer raus aus dem Game. Kein Fame für Billi. Ich bin die, die als letztes noch in Unterhose in der Umkleide steht, während alle anderen draußen schon auf Mami warten. Teilnehmerurkundenpersönlichkeit. Und ich bin die, die nicht weiß wovon diese Linken ständig reden. Sind es nun queere Gruppen oder Antifamacker, tierrechtsaktivistische Ökos oder kommunistische Gewerkschafterinnen, sexpositiver Feminismus oder irgendwas mit Rojava. Ich fühle mich entfremdet und je mehr die Jahre verstreichen, desto mehr verliere ich den Anschluss, denn mit Ende 20 gibt es wirklich keine Ausrede Marx IMMERNOCHNICHT gelesen zu haben. Oder Sartre. Ich nehme den Fuß aus der Tür und das Bein vom Deck, breite die Arme aus und schwebe dem Himmel entgegen.

Ich werde Marx nicht lesen oder wenn, dann nur heimlich. Es ist ein Kampf. Ich führe Krieg gegen mich selbst. Marx-Lesen ist wie einknicken, ich will das nicht gelesen haben müssen, um dazuzugehören, aber ich will es lesen, weil irgendwie war es dann doch hilfreich zu verstehen, dass zwar alles konstruiert aber doch wirkmächtig und bedeutsam ist. Es ist schmerzhaft linksradikal zu sein, wenn man eigentlich ein antiintellektueller Assi ist, der nicht genau weiß, wo er wachsen und wo er wurzeln soll.

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