Der Pennymarkt in mir – oder wieso sich die Kultur an Universitäten ändern muss (dishwasher magazin)

Bevor ich an die Universität gegangen bin, wusste ich nicht, was die Universität ist. Ehrlich gesagt, wusste ich bis zu Beginn der 12. Klasse auch nicht genau, was das Abitur ist. Meine Eltern hatten beide einen soliden Realschulabschluss und sind Bauer und Teilzeit-Sachbearbeiterin beim Landkreis. Die wussten eigentlich auch nicht genau, was die Universität ist, glaube ich. So viel haben wir uns nie darüber unterhalten. Unser Schlachter, Onkel Ferber, hat immer gesagt, mein Vater solle uns Kinder lieber nicht auf das Gymnasium lassen, weil wir dann nicht am Hof bleiben würden. Er hatte recht. Mittlerweile bin ich Psychologin und arbeite in einer Klinik in Berlin.

Artikel für dishwasher magazin am 09. Mai 2020

ALDIALDIALDI (oder was haben Supermärkte mit Selbsthass zu tun?)

Das erste Thema über das ich schreibe ist selbstverständlich Aldi. (Wer mich in angetrunkenem Zustand kennt, kann diesen Beitrag getrost überspringen, ihr wisst das alles schon!)

Aldi ist der Supermarkt meiner Kindheit und Jugend. Meine Mutter und meine Oma sind passionierte Aldi-Einkäuferinnen, schon immer gewesen und werden es immer sein. Jeden Mittwoch: Regenjacke, Aldi-PC, Delikatessen aus der Dose, die sehr lange haltbar sind. Ich bin im Aldi aufgewachsen. Ich kenne das Sortiment auswendig. Ich kann im Aldi blind einkaufen.

ALDIALDIALDI!

Ich fand Aldi eigentlich nie besonders super, dennoch konnte ich nie verstehen wie Leute mehr Geld für Essen ausgeben können, als den günstigsten Preis. So habe ich das gelernt. Alles andere ist Verschwendung. Warum kaufen Leute ein anderes Shampoo als Schauma 7 Kräuter? Ein Mysterium. Wer kauft Coca Cola statt Rivercola? Certainly not me! So dachte ich damals. Schelmin, die ich war. (Pleite war ich auch.)

Eines Tages, vor nicht allzu langer Zeit, wurde mir klar, dass ich meine Meinung irgendwann in den letzten Jahren geändert habe. Aldi ist irgendwo zwischen Bremerhaven und Berlin auf der Strecke geblieben. Meine Lebensgeschichte lässt sich in Supermärkten folgendermaßen erzählen: Aldi -Penny – Rewe – Die Knolle – Biocompany. Penny, das geht ja noch, aber Rewe? Die Knolle??? Girl, was ist aus dir geworden?

In der Retrospektive identifizierte ich meine Zeit in Göttingen als die, die die Zäsur brachte. An der Universität gab es keine Aldi-Kinder. Zumindest haben sie sich mir nicht zu erkennen gegeben. Ich habe die Demeter-Kinder kennengelernt. Die mit den Anthro-Eltern. In dieser Zeit erlebte ich meine zweite Sozialisation, weg von der prolligen Ramschernährung hin zum Dolce Vita: Mango, Hassavo, Bergkäse. Deliziös! Dazu einen Grünen Veltiner (Bio) bitte!

In diesem Zuge lernte ich: Meine Familie? Assis. Meine Vergangenheit: Asozial oder höchstens eine lustige Anekdote für meine Freund_innen. Ich beendete meine Discounter-Love-Affair und kaufte nur noch bei Rewe und im Biomarkt ein. Mini-Zimtos adé. Dazu gewöhnte ich mir auch gleich mal meinen reudigen Akzent ab und fing an mich zu benehmen (wie die anderen). So richtig wohl habe ich mich damit nie gefühlt. (Und fahr mal zurück aufs Kaff mit der Einstellung.)

In der Stadt, an der Uni: Eine Proletin vom Bauernhof. Schützenverein. CDU. Das volle Programm. Niemand darf das merken! Im Kaff: Die weggezogene Dauerstudentin. Die, die es zu nichts bringt. Die Sonderbare. Bloß keine Angriffsfläche bieten.

Bzw.

Ich mag Biomärkte nicht, weil ich mir nicht sagen lassen will, dass Aldi  (und meine Vergangenheit) asoziale Scheiße ist und ich mag Aldi nicht, weil Aldi aus vielen Gründen ein fieses Unternehmen ist. Zwischen den Stühlen rumstehen.

Ps.: Ich kaufe jetzt wieder bei Aldi und esse wieder Käse mit Ketchup mit einem kleinen Fünkchen Love für mich selbst in meinem eisigen Herzen.