Unsichere Männer und schlechte Witze

Es gibt eine Erzählung über mich, die geht ungefähr so: „Du bist anders geworden, weil du ‚elaboriert‘ gesagt hast“. Es ist die neue Sprache, die ich gelernt habe, damit ich nicht auffalle, damit ich vorankomme, damit ich halbwegs ernst genommen werde. Es ist diese Erzählung, warum manche Menschen in meinem Leben sich nicht nachzufragen trauen, wenn ich meine neuen Worte benutze, weil sie Angst haben, dass ich sie für verblödet halte. Es ist der Grund, warum manche Menschen über mich sagen, ich sei abgehoben und warum ich manchmal „wegen dem“ statt „deswegen“ sage, obwohl ich es besser weiß. Es sind die Worte, die ich nicht zuhause gelernt habe, derentwegen ich mich manchmal schäme.

Es gibt diesen verkniffenen Witz über mich, der geht ungefähr so: „Du bist intellektuell, weil du ‚elaboriert‘ gesagt hast“. Ich verstehe den Witz nicht. Ich glaube, das heißt auch, dass ich abgehoben bin. Nur anders. Es ist das Unbehagen, dass es meinen Master M.Sc. und mein Fremdwörterwissen nicht gratis auf dem Akademikerkinder-Grabbeltisch des bürgerlichen Lebens gab. Es ist diese eine Erzählung, dass keine existieren darf, die nicht genauso ist wie alle anderen, keine Proletenfrau, die mehr Wörter kann als ein Akademikersohn. Es ist ein Coming of Age-Männer-Roman über Unsicherheiten, Schmerzen und Ansprüche, die eigentlich nicht unsere sind, die zu unseren gemacht werden.

ALDIALDIALDI (oder was haben Supermärkte mit Selbsthass zu tun?)

Das erste Thema über das ich schreibe ist selbstverständlich Aldi. (Wer mich in angetrunkenem Zustand kennt, kann diesen Beitrag getrost überspringen, ihr wisst das alles schon!)

Aldi ist der Supermarkt meiner Kindheit und Jugend. Meine Mutter und meine Oma sind passionierte Aldi-Einkäuferinnen, schon immer gewesen und werden es immer sein. Jeden Mittwoch: Regenjacke, Aldi-PC, Delikatessen aus der Dose, die sehr lange haltbar sind. Ich bin im Aldi aufgewachsen. Ich kenne das Sortiment auswendig. Ich kann im Aldi blind einkaufen.

ALDIALDIALDI!

Ich fand Aldi eigentlich nie besonders super, dennoch konnte ich nie verstehen wie Leute mehr Geld für Essen ausgeben können, als den günstigsten Preis. So habe ich das gelernt. Alles andere ist Verschwendung. Warum kaufen Leute ein anderes Shampoo als Schauma 7 Kräuter? Ein Mysterium. Wer kauft Coca Cola statt Rivercola? Certainly not me! So dachte ich damals. Schelmin, die ich war. (Pleite war ich auch.)

Eines Tages, vor nicht allzu langer Zeit, wurde mir klar, dass ich meine Meinung irgendwann in den letzten Jahren geändert habe. Aldi ist irgendwo zwischen Bremerhaven und Berlin auf der Strecke geblieben. Meine Lebensgeschichte lässt sich in Supermärkten folgendermaßen erzählen: Aldi -Penny – Rewe – Die Knolle – Biocompany. Penny, das geht ja noch, aber Rewe? Die Knolle??? Girl, was ist aus dir geworden?

In der Retrospektive identifizierte ich meine Zeit in Göttingen als die, die die Zäsur brachte. An der Universität gab es keine Aldi-Kinder. Zumindest haben sie sich mir nicht zu erkennen gegeben. Ich habe die Demeter-Kinder kennengelernt. Die mit den Anthro-Eltern. In dieser Zeit erlebte ich meine zweite Sozialisation, weg von der prolligen Ramschernährung hin zum Dolce Vita: Mango, Hassavo, Bergkäse. Deliziös! Dazu einen Grünen Veltiner (Bio) bitte!

In diesem Zuge lernte ich: Meine Familie? Assis. Meine Vergangenheit: Asozial oder höchstens eine lustige Anekdote für meine Freund_innen. Ich beendete meine Discounter-Love-Affair und kaufte nur noch bei Rewe und im Biomarkt ein. Mini-Zimtos adé. Dazu gewöhnte ich mir auch gleich mal meinen reudigen Akzent ab und fing an mich zu benehmen (wie die anderen). So richtig wohl habe ich mich damit nie gefühlt. (Und fahr mal zurück aufs Kaff mit der Einstellung.)

In der Stadt, an der Uni: Eine Proletin vom Bauernhof. Schützenverein. CDU. Das volle Programm. Niemand darf das merken! Im Kaff: Die weggezogene Dauerstudentin. Die, die es zu nichts bringt. Die Sonderbare. Bloß keine Angriffsfläche bieten.

Bzw.

Ich mag Biomärkte nicht, weil ich mir nicht sagen lassen will, dass Aldi  (und meine Vergangenheit) asoziale Scheiße ist und ich mag Aldi nicht, weil Aldi aus vielen Gründen ein fieses Unternehmen ist. Zwischen den Stühlen rumstehen.

Ps.: Ich kaufe jetzt wieder bei Aldi und esse wieder Käse mit Ketchup mit einem kleinen Fünkchen Love für mich selbst in meinem eisigen Herzen.