Martin Luther befiehlt keine Pause mehr zu machen.

Freunde sagen, ich arbeite zu viel. Sie sagen, ich muss lernen zu chillen. Ich hasse Urlaub.

Das Dorf sagt, ich soll endlich arbeiten. Der Gipfel der Unverfrorenheit: Jahrelang an der Uni rumhängen und dann auch noch mehr verdienen. Ich hasse arbeiten. Ich weiß nicht, ob ich zu faul oder zu fleißig bin.

Aber ich weiß, dass ich keinen Bock mehr habe mit irgendwem darüber zu reden.

In der Universität haben alle ein Problem mit der Zukunft. Sie sagen, die Streber, die streben, sind der Inbegriff des bösen kapitalistischen Leistungsdenkens. Die Schweine. Ich kann das nicht ernst nehmen, was soll ich sagen. Das zeugt nur von einer massiven Verhaftung im eigenen lehrerkindlichen Kosmos. Ich bin zu faul zum Chillen. Danke Mama, Papa und Martin Luther für meine Arbeitsmoral.

Mit 16-24 die gesamte emotionale Kompetenz in die Besorgung von Kiffgras zu investieren ist die eine Sache und mit 24,3 anfangen über die eigene Chancenlosigkeit und „Armut“ zu fabulieren die andere. Ich bin dagegen. Von 16-24 über den kapitalistischen Leistungszwang jammern und mit 25 die Buxe voll haben nicht mehr genug abzukriegen. Immer ein neidisches Auge auf die, die es hinkriegen. Was soll ich sagen? Mit 29 hast du spätestens rausgefunden, wie du das Eigenheim doch noch kriegst. Und dann holst du es dir einfach. Auch ohne, dass ich dir zuhöre. Das ist keine Diskriminierung, das ist deine beschränkte Perspektive.

So ist das eben, du leidest an deinen 300 offenen Türen, durch die du nicht gehst. Ich leide an dem, was ich hinter der einen Tür gelassen habe, als ich in die Universität gegangen bin. Du rauchst Kiffgras, ich habe ein Aggressionsproblem und einen Job, den ich hasse. Du bist neidisch auf mich und ich weiß nicht, ob ich zu faul oder zu fleißig bin. Ich hab nicht mal Lust darüber nachzudenken, ich bin zu faul zum Chillen.

 

IMG_20160505_181226

ALDIALDIALDI (oder was haben Supermärkte mit Selbsthass zu tun?)

Das erste Thema über das ich schreibe ist selbstverständlich Aldi. (Wer mich in angetrunkenem Zustand kennt, kann diesen Beitrag getrost überspringen, ihr wisst das alles schon!)

Aldi ist der Supermarkt meiner Kindheit und Jugend. Meine Mutter und meine Oma sind passionierte Aldi-Einkäuferinnen, schon immer gewesen und werden es immer sein. Jeden Mittwoch: Regenjacke, Aldi-PC, Delikatessen aus der Dose, die sehr lange haltbar sind. Ich bin im Aldi aufgewachsen. Ich kenne das Sortiment auswendig. Ich kann im Aldi blind einkaufen.

ALDIALDIALDI!

Ich fand Aldi eigentlich nie besonders super, dennoch konnte ich nie verstehen wie Leute mehr Geld für Essen ausgeben können, als den günstigsten Preis. So habe ich das gelernt. Alles andere ist Verschwendung. Warum kaufen Leute ein anderes Shampoo als Schauma 7 Kräuter? Ein Mysterium. Wer kauft Coca Cola statt Rivercola? Certainly not me! So dachte ich damals. Schelmin, die ich war. (Pleite war ich auch.)

Eines Tages, vor nicht allzu langer Zeit, wurde mir klar, dass ich meine Meinung irgendwann in den letzten Jahren geändert habe. Aldi ist irgendwo zwischen Bremerhaven und Berlin auf der Strecke geblieben. Meine Lebensgeschichte lässt sich in Supermärkten folgendermaßen erzählen: Aldi -Penny – Rewe – Die Knolle – Biocompany. Penny, das geht ja noch, aber Rewe? Die Knolle??? Girl, was ist aus dir geworden?

In der Retrospektive identifizierte ich meine Zeit in Göttingen als die, die die Zäsur brachte. An der Universität gab es keine Aldi-Kinder. Zumindest haben sie sich mir nicht zu erkennen gegeben. Ich habe die Demeter-Kinder kennengelernt. Die mit den Anthro-Eltern. In dieser Zeit erlebte ich meine zweite Sozialisation, weg von der prolligen Ramschernährung hin zum Dolce Vita: Mango, Hassavo, Bergkäse. Deliziös! Dazu einen Grünen Veltiner (Bio) bitte!

In diesem Zuge lernte ich: Meine Familie? Assis. Meine Vergangenheit: Asozial oder höchstens eine lustige Anekdote für meine Freund_innen. Ich beendete meine Discounter-Love-Affair und kaufte nur noch bei Rewe und im Biomarkt ein. Mini-Zimtos adé. Dazu gewöhnte ich mir auch gleich mal meinen reudigen Akzent ab und fing an mich zu benehmen (wie die anderen). So richtig wohl habe ich mich damit nie gefühlt. (Und fahr mal zurück aufs Kaff mit der Einstellung.)

In der Stadt, an der Uni: Eine Proletin vom Bauernhof. Schützenverein. CDU. Das volle Programm. Niemand darf das merken! Im Kaff: Die weggezogene Dauerstudentin. Die, die es zu nichts bringt. Die Sonderbare. Bloß keine Angriffsfläche bieten.

Bzw.

Ich mag Biomärkte nicht, weil ich mir nicht sagen lassen will, dass Aldi  (und meine Vergangenheit) asoziale Scheiße ist und ich mag Aldi nicht, weil Aldi aus vielen Gründen ein fieses Unternehmen ist. Zwischen den Stühlen rumstehen.

Ps.: Ich kaufe jetzt wieder bei Aldi und esse wieder Käse mit Ketchup mit einem kleinen Fünkchen Love für mich selbst in meinem eisigen Herzen.