Hinter der Wut liegt gar nichts.

Ich bekomme öfter ein Kompliment, auf das sich ein beachtlicher Teil meines Selbstwertes gründet: Ich sei ehrlich und direkt. Ich bullshitte selten, wenn mich etwas nervt, dann werden die Leute das zeitnah und wohlformuliert erfahren. Meistens jedenfalls. Ich finde das eine gute Eigenschaft.

In letzter Zeit merke ich jedoch, dass es immer schwieriger wird, dieser Mensch zu sein. Ich bin sauer, stinksauer. Irgendwann habe ich angefangen diesen Blog zu schreiben, um den Zorn wie eine dunkle Welle mit schäumender Gischt aus mir herausschlagen zu lassen. Weg von mir selbst, in den luftleeren Raum eines Blogs, den sowieso nur 5 Leute lesen würden, die mich kennen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich mehr kaum getraut. Ich dachte, Wut und Hass stehen mir nicht zu. Einmal, vor etwas mehr als einem Jahr, teilte ein Bekannter mit mehr Social Media Fame diesen Blog auf seiner Seite und dann diskutierten plötzlich zwanzig Fremde unter dem Post über meine Texte. I nearly crapped my pants. Das ist jetzt glücklicherweise anders. Wenn Menschen etwas von mir lesen und kommentieren, bekomme ich meistens keine Schweißausbrüche mehr. Aber viel einfacher hat das die Sache mit dem Ausrasten nicht gemacht. Mir ist eigentlich nur deutlicher geworden, dass die eigentliche Frage hinter diesem Blog ist, wie viel Wut zu viel Wut ist.

Versteht mich nicht falsch. Ich denke es gibt gute Gründe alles kurz und klein schlagen zu wollen. Wenn ich in mich hineinhorche, fallen mir von 1988 bis 2018 circa 786 Gründe ein mit einem Bulldozer die ganze Welt auf Streichholzschachtelformat zusammenzuschieben. Ich bin froh, dass ich das mittlerweile wenigstens merke. In meiner Jugend, als sich die Bilanz zwar auf weniger, aber dennoch genug gravierende Gründe belief, wurde ich depressiv. Eine Gefühlslage, die mich mehr oder weniger mein ganzes Leben lang begleitete. Erst, als es mir mit Ende 20 gelang, diese Scheiße dahin zu wenden, wo sie hingehört, nach außen, konnte ich die lähmende Trägheit, den Stupor, von meinen Schultern nehmen.

Und jetzt sitze ich da, mit Gefühlen, die ich immerhin verstehen kann, aber die dennoch vehement nach Umgang fordern. Ich bin sauer, dass mir diese Woche zwei Männer auf die Titten geglotzt und dabei „hey hey“ und „oha“ gerufen haben. Ich bin sauer, dass ein monatelanger Gast meiner Mitbewohnerin mich eine „deutsche Nutte“ nannte, als sie vor kurzem auszog. Die Begründung: Ich hätte „jeden Abend einen anderen Mann in meinem Bordell-WG-Zimmer“. Schön wärs. Ich bin sauer, weil ich dazu erzogen wurde eine Ehefrau auf dem Kaff zu werden, was ich nicht tue und nun ständig neckisch gefragt werde, ob ich schon verlobt sei. Gepaart mit mehr oder weniger subtilen Fragen nach meiner sexuellen Orientierung und Kommentaren, dass alle meinen Ex-Freund aber sehr gerne gemocht hätten. Wie hat sie den nu wieder vertrieben? Ich bin sauer, weil ich gar nicht hinterherkomme mich zu entscheiden, wann, wo, wie und in welchem Ausmaß ich in den Kampf reiten soll. Lanze raus und meine Frau stehen. Ich bin sauer, wenn ich meinen Körper anschaue und an ihm die Spuren begutachte, die jahrelanges Kommentieren meines Gewichts, meines Doppelkinns, das fettheitsprüfende Zwicken in meine „Teddyohren“ an ihm hinterlassen haben. Ich bin sauer auf jeden einzelnen von diesen Arschgesichtern, die im wörtlichen Sinn einen Fick gegeben haben, wo meine Grenzen lagen. Ich könnte ewig weitermachen.

Und dann stehe ich da und frage mich, ob ich überreagiere, wenn ich einen Mann, der mir erzählt, Frauen würden sich nur für Arschlöcher interessieren mit einem wütenden Monolog zum Weinen bringe. Oder wenn ich rumpöbele, weil mich drei Freunde separat voneinander darauf hinweisen, dass ein Freund von ihnen, den ich zuvor für eine dreiste Email an mich kritisiert hatte, psychische Probleme habe und eigentlich ganz „nett“ und „reflektiert“ sei. Oder ob es zuviel des Guten ist, dass ich den Freund einer guten Freundin von mir zusammenschreie, weil er mir an den Arsch gefasst hat, während mehrere Bekannte betreten daneben stehen. Diese Beispiele rechtfertigen sicher eine direkte wütende Reaktion, ich merke aber, dass sie sich in meinen Alltag, in meine Sicht auf die Welt fressen. Wenn mich einer fragt, was mit diesem Typen mit der Email ging, rante ich für 3 Minuten erbost los und entschuldige mich dann kleinlaut. Und werde dann gleich wieder sauer, weil ich merke, dass ich trotz allem berechtigten Zorn so nicht weitermachen kann. Es ist ein Arschloch von einer Zwickmühle, an dem ich irgendwann eingehe, wenn das so weitergeht. Hinter der Wut kommt noch mehr Wut.

Jetzt sollte wohl ein karthatischer Abschluss folgen. Einer, der die Wogen glättet, der die Widersprüchlichkeit des Textes in einem Lifehack aufgehen lässt.

Jan und Paul.

Neulich lernte ich einen jungen Mann namens Jan kennen, der mir erklärte, dass Frauen einen Uterus haben und deshalb eine zuvorkommende Behandlung in der Gesellschaft bräuchten. Das Potential ein Balg aus sich zu quetschen sei objektiv, wissenschaftlich bewiesen, unanfechtbar der Grund, warum Frauen am Frauenkampftag nicht kämpfen, sondern früher von der Arbeit nach Hause gehen sollen dürften. Und Blumen kriegen. Und im Bus einen Sitzplatz angeboten bekommen. Weniger Muskelmasse und ein Uterus.

Wir saßen in einer Küche in der Nähe des Barrio Chino in Havanna, Kuba, und tranken ein Bier zum Mittagsessen. Er war ein Deutscher, den Lena, die ich besuchte, kennengelernt hatte. Wir aßen Reis und Gemüse. Lenas Mitbewohner Paul hatte den deutschen Altsozialisten im Körper eines 27-jährigen Jünglings eingeladen. Er sagte, ich würde ihn falsch verstehen, weil das, was er sagte sehr kompliziert sei. Er sagte, er verstehe nicht, dass sich deutsche Frauen über sexistische Anmachen auf Havannas Straßen beschweren, aber dann von diesem Verhalten der kubanischen Männer profitieren würden. Die ficken die einfach, die Kubaner. Er sagte, er würde anders denken als die Deutschen, er sei kubanisiert in der Hinsicht. Er sagte, Frauen nähmen 2-3 Kilo in der Schwangerschaft zu, deshalb wäre es natürlich sie zu schonen. In Deutschlands Linke sei das mit dem Antisexismus ein bisschen viel manchmal. Einmal habe ihn eine kritisiert, dass er so männlich rumstünde. Und auf Kuba ficken die doitschen Frauen kubanische Männer und beschweren sich vorher und nachher und immerzu über sexistische Anmachen.

Paul hatte mir einige Tage vorher erklärt, dass ich meine Geldscheine nicht so herumwedeln solle, da die Bevölkerung Kubas sehr arm und das dementsprechend unangebracht sei. Paul sagte, das Problem sei, dass Frauen sich immer Männer aussuchen, die sie sexistisch behandeln. Ich sagte, er sei ein schlimmeres Arschloch als die Männer, die wenigstens sagen, dass Frauen für sie nur zum Ficken gut seien. Er fing zu weinen an und ich sagte, dass seine pseudofeministische Grüne Jugend Niedersachsen-Sozialisation mir am Arsch vorbeigehe. Lena sagte, ich habe recht, aber der hätte genug. Eigentlich können die nie genug haben.

Ich bin gefangen in einem Körper aus Fleisch und Blut und einem Uterus und wissenschaftlich bewiesener Wertlosigkeit. Dieser Körper wird heute dem Boden entgegen gezogen, er legt sich nieder und starrt aus weit aufgerissenen Augen in den Himmel, wartet bis der Stupor sich auflöst und vielleicht eine Träne über seine Wange rinnt, auf dem Boden aufschlägt und die Erschütterung mich aufweckt. Mein Uterus und ich. Mein Uterus und Paul und Jan. Mein Uterus und der Frauenkampftag. Mein Uterus und die Fickbarkeit. Mein Uterus und nette, linke Männer.

Benehmen: The art of articulation.

Gewaltfreie Kommunikation, was für eine Scheiße. Du willst deine Mutter mit einem Stuhl erschlagen? Kein Problem! Hauptsache du beginnst den Satz mit „Ich“. Kommunikative Leistung 1+! Chef_in ist, wer am meisten reflektiert oder die kompliziertesten Schachtelsätze über die eigene Gefühlslandschaft bauen kann. Optimiere dich selbst. Irgendwann zwischen 2008 und 2016 haben sich alle geeinigt: Gewaltfreie Kommunikation ist was Feines. Der heilige Gral eines jeden WG-Plenums. Hauptsache alle sind wertschätzend und empathisch miteinander. Man darf sich sogar blöd finden und es sich sagen, nur halt nicht so fies, wie die Assis auf RTL2. Das ist nämlich ganz falsch. Klopft euch ruhig auf die Schulter, ich falle nicht auf euch rein. Wenn ich mich beefe, will ich mit einem Baseballschläger die ganze Stadt zertrümmern. Lass die Affen aus dem Zoo! Empathie am Arsch. Ich habe nicht ein Problem mit Aggressionen, ich habe zwei Probleme mit Aggressionen. So eine Scheiße.

Blog 5GfK ist das, was Leute gut finden, die nichts mit Leuten zu tun haben, die wirklich Scheiße sind. Ich kenne mindestens 5 Leute, denen ich mit sowas gar nicht kommen brauche, weil es ein Witz wäre. Wenn ich mir vorstelle denen zu sagen, sie sollen bitte nicht so verletzend kommunizieren, dann lache ich. Und wenn du mir sagst, dass GfK das einzig Wahre ist, dann lebst du in einer Blase und hast nur mit einem winzig kleinen Segment an Menschen zu tun, das du leider für repräsentativ hälst. GfK ist die Sprache der Menschen, die sich bei Elite-Partner anmelden dürfen. Immer schön bei dir selbst anfangen, Schwesti. Das ist die Sprache der Wohlartikulierten, Gutsituierten.

GfK ist nur der nächste Weg die Spreu vom Weizen zu trennen. So erkennst du die, die sich daneben benehmen und nicht verstanden haben, wie man so tut, als wäre man ein besserer Mensch. Und so tarnst du dich. Ach wie toll du dich im Griff hast, sachlich und verletzlich zur gleichen Zeit. Außen weich und innen ein harter Kern, der durch keine Kritik zu erschüttern ist. Ich fühle, die meisten Leute, die gewaltfrei kommunizieren sind in ihren Herzen Arschlöcher, die sich freuen, dass sie einen nicht ganz so offensichtlichen Weg gefunden haben nach unten zu treten.

When the truth is found to be lies.

Als ich angefangen habe, Sozialwissenschaften zu studieren, war das erste Ziel der Lehre uns einzuhämmern, dass alles konstruiert ist. Materialisierte Wahrheit gibt es gar nicht. Achso.

Ich hab das eigentlich eher gar nicht gecheckt, aber ich ließ mir nichts anmerken. Möglichst den Kopf einziehen und hoffen dass niemand merkt, dass ich eigentlich gar kein Plan hab, was ein Seminar ist. Ich mein, ich wusste ja schon nicht, was Topinambur ist, da konnte ich nicht auch noch den Konstruktivismus verkacken. Also, jaja genau, es gibt mehr als zwei Geschlechter, das ist ein Kontinuum oder so. Genau. Und Nationen sind imagined communities. Ja. Sind wir eigentlich deswegen dagegen oder weil wegen den Nazis? Was heißt antideutsch und antiimp und was davon ist die richtige Meinung? Warum haben eigentlich alle schon Marx gelesen und ich weiß nicht mal genau, wer das ist?

Ich war unselbstbewusst, obwohl ich eigentlich ein pfiffiges Kerlchen bin. Ich hatte Angst dass ich eigentlich konservativ bin, weil ich die eine Hälfte der Sachen, die die Linksradikalen da redeten nicht verstand und über die andere Hälfte noch nie nachgedacht hatte. Manchmal dachte ich, ich bin vielleicht im Herzen eine CDU-Wählerin. Oder irgendwer, die für eine Koalition von CDU und Grünen auf der Bundesebene ist. Ich hatte Angst, dass die mich enttarnen. Aber eigentlich konnte ich die meisten Linksradikalen auch gar nicht leiden. Wenn Anfang Zwanzigjährige um linksradikalen Fame streiten, dann bleibt nichts übrig für die Dorftrottel und Bauerntölpel. Ob es nun um Fubu-Hosen oder um Gramscis Gefängnishefte ging, ich war immer raus aus dem Game. Kein Fame für Billi. Ich bin die, die als letztes noch in Unterhose in der Umkleide steht, während alle anderen draußen schon auf Mami warten. Teilnehmerurkundenpersönlichkeit. Und ich bin die, die nicht weiß wovon diese Linken ständig reden. Sind es nun queere Gruppen oder Antifamacker, tierrechtsaktivistische Ökos oder kommunistische Gewerkschafterinnen, sexpositiver Feminismus oder irgendwas mit Rojava. Ich fühle mich entfremdet und je mehr die Jahre verstreichen, desto mehr verliere ich den Anschluss, denn mit Ende 20 gibt es wirklich keine Ausrede Marx IMMERNOCHNICHT gelesen zu haben. Oder Sartre. Ich nehme den Fuß aus der Tür und das Bein vom Deck, breite die Arme aus und schwebe dem Himmel entgegen.

Ich werde Marx nicht lesen oder wenn, dann nur heimlich. Es ist ein Kampf. Ich führe Krieg gegen mich selbst. Marx-Lesen ist wie einknicken, ich will das nicht gelesen haben müssen, um dazuzugehören, aber ich will es lesen, weil irgendwie war es dann doch hilfreich zu verstehen, dass zwar alles konstruiert aber doch wirkmächtig und bedeutsam ist. Es ist schmerzhaft linksradikal zu sein, wenn man eigentlich ein antiintellektueller Assi ist, der nicht genau weiß, wo er wachsen und wo er wurzeln soll.

Sing me to sleep.

Neulich hatte ich ein tiefschürfendes gespräch mit einem freund. Quintessenz: wir sind alle wie karl von herr lehmann. So dieses gespräch im Urbankrankenhaus. Meine fresse, das buch spielt in den achtzigern.

Die leute aus meiner gang, die keine therapie machen, kann ich an null fingern abzählen. Alle leiden an irgendwas, mich macht das traurig. So schlagen wir uns die tage um die ohren: einsame girls und boys auf der suche nach irgendwas. Alle das auge auf den goldtopf am ende der straße aus scheiße gerichtet. Ich will mich auskippen und alles mit der schwarzen masse bedecken. Pfannkuchenteig.

Auf der suche nach gründen finde ich: Berlin, die kindheit, individualisierung, der kapitalismus, ein drogenproblem, life is pain. Aber, das wichtigste ist, wir haben es verstanden, deswegen bitte keine verhaltenstherapie. Man müsste sport machen, macht man aber nicht, aber man weiß man müsste. Manchmal machen wir einen witz, manchmal ist es bierernst. Der Morast reicht bis zur Mitte des Oberschenkels, da sind sich alle einig. Immerhin.

Die, die abkacken, wo ich herkomme, kann ich an 2 fingern abzählen. Die existentielle frage (was soll die ganze scheiße eigentlich?) ist nicht der Anfang, sondern das Ende des Problems, wenn überhaupt. Psychischer abfuck unprätentiös. Da ist Depression noch einfach eine Krankheit und für die gibs Tabletten oder ein Krankenhaus oder eine Psychologin. Punkt. Das hat nichts damit zu tun, dass das niemand besser verstanden hat, als man selbst. Es geht um Stigmatisierung. Oder ob der Aufwand man wirklich Not tut. Und wenn es heißt, mach Scheiß Sport, dann machen die Leute das. Dorftrottel. Hauptsache  wieder arbeiten können. Dann doch lieber dem Kapitalismus ein Schnibbchen schlagen und depressiv 18 Semester studieren. Nimm das, Schweinesystem!

Berliner Boys.

Wenn ich noch ein Gespräch darüber führen muss, dass ich zu hohe Ansprüche habe, dann mache ich nichts und nicke. Wie immer. Denn wenn ich Sex mit Jungs haben will, dann ist das das Game, das wir spielen werden. Das Amen in der Kirche, Freunde.

Die Sachlage ist folgendermaßen: In Beziehungen muss man manchmal über Beziehungen reden. Darüber was Sache ist. Gefühle und sowas. Und wenn sich wer rausnehmen kann, sich da rauszunehmen, dann entweder alle oder niemand. Das ist mein zu hoher Anspruch.

Ich gebe zu, der Inhalt dieser Gespräche variiert je nach Pfiffigkeit des Gegenübers, aber ganz ehrlich, im Prinzip läuft der Hase immer dem selben Abgrund entgegen: Es fällt mir schwer über meine Gefühle zu reden bzw. meines Wissens habe ich gar keine Gefühle bzw. ich sehe gar kein Problem bzw. du bist so gut darin, diese Dynamiken zu erkennen, deswegen ist es doch gut, wenn du sie ansprichst. Oder: Ich fände es am besten, wenn alles entspannt wäre und wir nie reden würden, weil dann wäre alles entspannt. Oder: Sag einfach wie du es gerne hättest und wir machen es ganz genau so, wie du sagst, weil (siehe oben) du so gut darin bist diese Dynamiken zu erkennen und deswegen das alles deine Aufgabe ist. Oder: ich habe einfach gar nicht das Bedürfnis über unsere Beziehung zu reden, weil ich sie voll gut finde, wie sie ist, also musst du das immer ansprechen, weil du ja gerne darüber reden willst. It’s pure logic! Ich hab auch extra einen Kurs in Feminismus gemacht, aber das hat ja nix mit mir zu tun. (Ich mein, in drei Fünftel unserer Sexualkontakte bin ich doch auch wirklich darum bemüht, dass du auch kommst. Und ein bisschen unangenehm ist es mir schon, wenn du mir einen bläst. Guck.) Ich habe Feminismus verstanden, aber ändern muss ich mich nicht, weil bei mir Zuhause gab es gar keine traditionellen Geschlechterrollen. Meine Mama hat einfach gerne geputzt und mein Papi hätte das auch total übernommen, aber der hat dafür dann zwei Mal die Woche gekocht bzw. meine Mutter hat einfach gerne über ihre Gefühle geredet und mein Vater nicht. Der war eher so der verschlossene Typ. Das war aber voll ok. Das haben die besprochen (glaub ich). Ich hätte gerne einfach einen schönen Abend ohne Streit und komplizierte Gespräche. Und überhaupt: Ich finde es am besten, wenn es einfach so läuft.

Berliner Boys: Sie finden alle das Patriarchat doof und sind halt alle so Typen, die eben nicht so gerne über ihre Gefühle reden und Girls haben, die das so gut können. Es ist ein bunter Reigen aus denen, die es verstanden haben, von Antifa-Rabauke bis linksliberaler Philosophiestudent. Wenn ich noch ein dummes Gespräch über meine zu hohen Ansprüche führen muss, ich schwör.

Ich mein, es leben halt auch nicht alle im Patriarchat, ihr Lieben, eigentlich nur die Frauen, wenn ich mich so umgucke, denn wir sind ja alle gleich und Frauen sind eben doch emotionaler, aber nicht wegen der Biologie, sondern wegen der Sozialisation, da muss man dann dran arbeiten an sich und so, aber eigentlich, wie gesagt bei einer beeindruckenden Zahl dieser Jungs gab es Zuhause gar keine traditionellen Geschlechterrollen. Deswegen sind die ein Individuum und kein Teil des Patriarchats, weil wie gesagt, das gabs nur bei Assis Zuhause. Deswegen müssen eigentlich nur die anderen an sich arbeiten, also die, die im Patriarchat leben. Also Frauen und Söhne von Assis. Und wenn du mir sagst, dass das nicht stimmt, dann werf ich halt dieses Buch an die Wand und werde sauer und du weinst.

Und wenn du das Game richtig gut kannst, dann reflektierst du dich selbst, bzw. das, was du dafür hälst, und forderst postwendend einen Orden dafür und wenn du den nicht kriegst, dann hulkst du richtig los. Aber nicht so mit rumbrüllen (weil das is Mackerverhalten und das hast du ja reflektiert), nein, dann bist du verletzt und traurig und kritisierst irgendeine Pseudoscheiße an mir („Ich hätte mir gewünscht, dass du in dieser Situation BLABLABLA“), über die dann dringend sofort reden musst, weil das so schlimm für dich war. Oder, du besitzt sogar die Dreistigkeit mir manipulative Komplimente für meine kommunikativen Skills zu machen, von denen du ununterbrochen for free profitierst, aber machst trotzdem keinen Move, deine Scheiße auf die Reihe zu kriegen.

Ey, dann macker halt lieber rum, wie die ganzen assis, auf die du immer runter guckst, wenn du dir heimlich einen auf dein feministentum wichst. das nicht so anstrengend auseinander zu nehmen und da müssen die grrrls nicht so auf zack sein.

Bremerhavener Boys

Bremerhavener Boys sind keine Feministen. Nein. Sie reiben sich in der Kneipe an dir und denken du magst das gerne. Sie geben dir eimerweise Getränke aus und sind wütend, wenn du dann nicht mit ihnen fummeln willst. Sie finden Kacke, dass Frauen immer so abweisend sind und sich dann beschweren, dass sie keinen abkriegen, oder so. Ja, so läuft das. Die wissen nicht, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, aber die wissen zu schätzen, wenn eine Frau weiß, wie man Jägermeister trinkt. Nämlich sehr viel.

Mich hat mal ein Arbeitskollege gefragt, wie die Farbe meiner Schambehaarung sei. Als ich meinen Chef bat nicht mehr mit ihm Schicht zu haben, nannte der mich prüde. Ich war 19. Die waren 32 und 49. Jaja, schlimm schlimm. Neulich hat mir ein 19jähriger in den Arsch gekniffen. Ich hab ihm ins Gesicht geboxt. Er hat getan, als hätte er nichts gemerkt. Ich war 27.

Irgendwann dachte ich, ich habe es geschafft und die netten Männer gefunden. In Göttingen, in Berlin. Die mögen sexual harrassment nicht. Die wissen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt. Die wissen was rape culture und Definitionsmacht heißt. Die reiben sich weniger oft an dir und denken du magst das. Die geben dir keine Getränke aus. Punkt. Die kennen die Codes und schämen sich, dass sie frauenverachtende Pornos gucken. Es ist ein bunter Reigen aus denen, die es verstanden haben, von Antifa-Rabauke bis linksliberaler Philosophiestudent.

Es gibt nicht nur zwei Geschlechter, Rape Culture. Und sie tragen auch den Müll runter. Applaus. Aber wehe du sagst, die reden zu viel über Dinge, von denen sie keine Ahnung haben oder dass sie ihr Scheiß T-Shirt anlassen sollen, dann gibts richtig RambaZamba. Das hätte man auch netter sagen können! Das hast du falsch verstanden! Wo ist da der politische Mehrwert? Ich verstehe die Kritik, aber [gähn]. Denn wer sich entitled fühlt, fühlt sich eben entitled. Ich will schlafen.

Judith Butler zitieren können und immerzu Frauen unterbrechen oder Judith Butler nicht gelesen haben und sich an mir reiben. Das ist für mich im Prinzip das Gleiche. Brechstange oder Pinzette. A oder B. Subtilität macht es nicht besser, Leute. Der einzige Unterschied ist, dass man die einen mit gutem Gewissen boxen kann und die anderen nicht. Ich will nicht mit euch reden, wenn ihr Scheiße seid. Ich will euch schlagen. Ich hab kein Bock mehr. Ich will schlafen.

Wer sich darauf ausruht, dass er es schafft Frauen nicht an den Arsch zu fassen wie die ganzen anderen Arschgesichter da draußen, sollte sich schämen, dass er denkt, er hätte was geschafft.